Vera Politkowskaja ist die Tochter der Journalistin Anna Politkowskaja, die am 7. Oktober 2007 – dem Geburtstag des Präsidenten Wladimir Putin – vor ihrer Haustür erschossen wurde, und an die sich heute in Russland kaum noch jemand erinnert, jedenfalls nicht offiziell.
Vera, die als Musikerin ausgebildet wurde, dann aber dem Beispiel ihrer Mutter folgend Journalistin geworden ist, lebt seit Jahren anonym im Ausland. Weil sie sich seit dem nie restlos aufgeklärten Mord an ihrer Mutter der Gefahr bewusst ist, in der sie und ihre Familie sich seitdem befindet, hat sie es vorgezogen, ihrer Heimat den Rücken zu kehren.
In ihrem Buch „Meine Mutter hätte es Krieg genannt“ beantwortet sie die Frage vieler Menschen im Westen, warum die Russen alles, was die Regierung tut, fügsam hinnehmen, selbst einen Krieg. Sie sagt, dass ein Großteil der Bevölkerung damit beschäftigt sei, in prekären Verhältnissen zu überleben und dass zudem die Strafen für die Teilnahme an Protesten drastisch verschärft wurden. Es sei auch nicht jedem gegeben, den Helden zu spielen. Für sich selbst sagt sie: „Ich finde, ich habe als Mutter nicht das Recht, meiner Tochter das Leben schwerzumachen. Sie ist noch zu jung, um ohne mich auszukommen.“
Ihre eigene Mutter hat genau das getan. Schon früh machte sie ihren beiden Kindern Ilja und Vera klar, wie wichtig ihre Arbeit für sie war. Anna Politkowskaja sah sich nicht nur als Berichterstatterin, sondern auch als Sprachrohr für Menschen, die sonst kein Gehör fanden. Das Schicksal der einfachen tschetschenischen Bevölkerung lag ihr besonders am Herzen. Viele wandten sich mit Problemen an sie. Als Reporterin der „Nowaja Gasjeta“ berichtete sie über Kriegsverbrechen der russischen Armee, schrieb auch über Raub, Mord und Korruption der verbündeten tschetschenischen Gruppen, was ihr schließlich zum Verhängnis wurde.
Die Tochter schildert, wie ihre Mutter sie und ihren Bruder schon in jungen Jahren darauf vorbereitet hatte, was im Falle ihrer Verhaftung oder ihres Todes zu tun sei. Sie war sich der Gefahr ihres Handelns vollumfänglich bewusst, was sowohl bei ihrer Familie als auch bei Freunden und Kollegen zuweilen Unverständnis hervorrief. Vera beschreibt ihre Mutter als äußerst selbstbewusste, zielstrebige Frau, die Kante zeigte. Im Umgang sei Anna oft schwierig gewesen, dennoch stand sie loyal zu Familie und Freunden.
Als Anna starb, war Vera gerade schwanger mit ihrer Tochter. Sie nannte sie ihrer Mutter zu Ehren Anna.
Vera Politkowskaja mit Sara Guidice: „Meine Mutter hätte es Krieg genannt“, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2023, gebunden, 192 Seiten, 22 Euro


