01.05.2026

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Folge 02-24 vom 12. Januar 2024 / Osterode / Europa literarisch mit Herder erkunden / Ermutigung zur Verständigung – Im ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium fand ein Wettbewerb zum kulturellen Erbe statt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-24 vom 12. Januar 2024

Osterode
Europa literarisch mit Herder erkunden
Ermutigung zur Verständigung – Im ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium fand ein Wettbewerb zum kulturellen Erbe statt
Uwe Hahnkamp

Wettbewerbe gibt es viele in Polens Schulen; immer wieder sind die Schüler unterwegs, um bei mündlichen oder schriftlichen Prüfungen ihr Wissen in verschiedenen Fächern zu beweisen. So auch in Osterode. Dort wurden am 13. Dezember im I. Allgemeinbildenden Lyzeum „Jan Bażyński“ (I. LO) die Preisträger eines ganz besonderen Wettbewerbs gekürt. Das hängt mit dem Thema, den Anforderungen an die Arbeiten sowie dem Stifter seiner Preise zusammen.

Begonnen hat der Wettbewerb im Frühling 2023 mit einer Spende von 

1000 Euro. Doch die Vorgeschichte reicht eigentlich bis ins Jahr 1925 zurück. Damals wurde in Osterode Armin Mruck geboren. Der heute 98-Jährige ist der letzte noch lebende Abiturient des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums in Osterode, das er bis 1943 besuchte. Der junge Schulabgänger wurde danach sofort eingezogen und an der Front verwundet. Danach verschlug es ihn ins Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland, wo er in Göttingen studierte und sich seine ersten Sporen an der Universität in Oldenburg verdiente. 1951 ging er in den USA, wo er seither lebt und arbeitet.

Herder und der Brückenbau nach Osterode 

Heute ist Mruck Professor für Geschichte an der Towson-Universität in Maryland und hat sich auf das Thema „Deutsche Widerstandsbewegung im Nationalsozialismus“ spezialisiert. Wegen seiner Lebenserfahrungen hat er sich für studentischen Austausch und Verständigung zwischen den USA und Deutschland stark gemacht, wofür er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet wurde. Begegnungen und Verständigung sind ihm ein Herzensanliegen – daher war das Thema des von ihm angestoßenen Wettbewerbs, der den Namen des großen Europäers Johann Gottfried Herder trug, der Brückenbau zwischen der polnischen und deutschen Nation unter verschiedenen Aspekten. 

Wichtig war ihm als Osteroder, dass der Wettbewerb dort stattfindet, und als Absolvent des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums, dass die Schüler des I. LO „Jan Bażyński“ sich mit seinem Thema befassen, denn dies befindet sich im gleichen Gebäude wie damals das Gymnasium. Per Videobotschaft wandte er sich im Rahmen der Preisverleihung mit einer kurzen Ansprache an die Teilnehmer des Wettbewerbs und die anderen Schüler in der randvollen Aula der Schule. Wegen seines Alters und wegen der Zeitverschiebung konnte er weder persönlich noch direkt zugeschaltet an der Ehrung teilnehmen.

Gemeinsame deutsch-polnische Organisation

Burghard Gieseler, der Vorsitzende der Kreisgemeinschaft Osterode/Ostpreußen, ging in seinem brieflichen Grußwort auf ein interessantes architektonisches Detail ein: „Die polnischen Schüler, die sich heute auf das Abitur vorbereiten, betreten die Schule durch dieselbe Tür wie damals Professor Armin Mruck, unter dem strengen Blick der Eule über dem Portal. Sie ist der Vogel der griechischen Göttin der Weisheit Athene, die nach den Wirren der Odyssee da-für gesorgt hat, dass wieder Frieden herrschte.“ 

Diese Aufforderung und Ermunterung zur Verständigung greift die Kreisgemeinschaft Osterode in ihrer Arbeit auf und gibt sie an die heute in Osterode lebenden jungen Polen weiter, ob durch Austausch mit einem Gymnasium in Osterode/Harz oder ganz im Sinne von Armin Mruck mit diesem Wettbewerb.

Vor Ort bei Wettbewerb und Preisverleihung wurde sie von Henryk Hoch, dem Vorsitzenden des Vereins der deutschen Minderheit „Tannen“ in Osterode und des Verbands der deutschen Gesellschaften in Ermland und Masuren, vertreten. Er stellte auch die Kontakte zum I. LO, zu dessen Direktor Piotr Patejuk und zur Deutschlehrerin Agnieszka Dota-Kubińska her, unter deren Aufsicht der eigentliche Wettbewerb ablief. 

Eingegangen waren letztendlich insgesamt elf Arbeiten, was bei den sieben schwierigen Unterthemen und dem geforderten Umfang der Arbeiten von mehreren Seiten ein stolzes Ergebnis ist. Immerhin winkte aber den drei besten Arbeiten ein Geldpreis von umgerechnet jeweils 250 Euro, für zwei weitere hatten die Organisatoren jeweils 125 Euro ausgelobt. Die Jury hatte es bei den sehr guten Arbeiten nicht einfach mit der Auswahl, war sich aber auf polnischer und deutscher Seite erstaunlich einig, was Direktor Patejuk sehr freute: „Es sieht so aus, als ob wir auf einer Wellenlän-ge liegen, was Fragen der Identität und des kulturellen Erbes der Region angeht.“

Viel Kultur, Brotbacken und Schweizerdeutsch

Zwei der drei besten Arbeiten hatten „Kunst als universelle Sprache der Verständigung“ zum Thema. Während Maria Podlejska aus der zweiten Klasse 

(10. Klasse hierzulande) in ihrem Essay zu einem Rundumschlag durch Philosophie und verschiedene Künste ausholte, konzentrierte sich Wiktor Rafalski aus der vierten Klasse (12. Klasse) auf den Alltag und nahm unter anderem traditionelles Brotbacken in Karnitten als Kunst unter die Lupe, die Menschen verbindet. Dritter im Bunde der Hauptpreisträger war Piotr Zimniak, ebenfalls aus der vierten Klasse, der aus persönlichen Gründen das Thema „Mehrsprachigkeit als kulturelle Brücke“ gewählt hatte. 

In der Bundesrepublik geboren, ist er dort und in der Schweiz aufgewachsen. Für seine Arbeit interviewte er seine Schwester, die ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie er. Ein Interview für das Radio der Deutschen Minderheit in Ermland und Masuren „Allensteiner Welle“ gab er auf Deutsch und überraschte dabei sogar mit gutem Schweizerdeutsch.

Diese persönlichen Nuancen und eigenen Erlebnisse aller Autoren sind ein großes Plus der Arbeiten, geht doch augenscheinlich das Interesse der jungen Menschen über eine rein theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema der Verständigung hinaus. Wegen des großen Erfolgs des Wettbewerbs signalisiert die Schule auf ihrer Facebook-Seite bereits ihre Bereitschaft zu einer Fortsetzung im kommenden Jahr, und auch Hoch findet die Idee sehr gut. „Vielleicht mit Immanuel Kant, dessen 300. Geburtstag wir 2024 feiern, als Namensgeber. Und wenn seine Gesundheit es erlaubt, kommt dann auch Professor Mruck auf Besuch. Er war 2016 zuletzt hier, möchte aber 

seine Heimatstadt noch einmal besuchen“, sagte er.