Bei den Vorwahlen der Republikaner-Anhänger zeichnet sich ein Durchmarsch von Donald Trump ab. Im kleinen Farmer-Staat Iowa im Mittleren Westen stimmten bei eisigen Temperaturen mehr als die Hälfte (51 Prozent) für den amerikanischen Ex-Präsidenten.
Mit weitem Abstand auf Platz zwei kam Ron DeSantis, der Gouverneur von Florida, mit etwas über 21 Prozent. Dahinter lag Nikki Haley, die ehemalige US-Botschafterin bei den UN, mit 19 Prozent. Für DeSantis, der im Verlauf des Wahlkampfs immer mehr schwächelte, ist der zweite Platz ein Hoffnungsschimmer. Auch Haley will noch nicht aufgeben. Doch laut dem Durchschnitt aller Vorwahl-Umfragen, den die Plattform RealClearPolitics berechnet, liegt Trump uneinholbar vor seinen Konkurrenten.
Damit rückt etwas näher, was in Europa und im linksliberalen Amerika viele fürchten. Bei der US-Präsidentschaftswahl im November ist eine Rückkehr von Trump ins Weiße Haus alles andere als unwahrscheinlich.
Amtsinhaber Joe Biden kämpft jedenfalls mit starkem Gegenwind und ist in der US-Bevölkerung unbeliebt. Kein anderer Präsident vor ihm hatte so niedrige Popularitätswerte zum Ende seiner ersten Amtszeit. Bidens Netto-Zustimmungsquote ist auf minus 16 gefallen. Dass die Arbeitslosigkeit niedrig ist und die Inflation zurückging, wird ihm kaum als Plus angerechnet. Vielmehr sehen viele Amerikaner ihr Land und die Wirtschaft in denkbar schlechter Verfassung.
Zudem nagt die Debatte um Bidens Alter und seinen Gesundheitszustand an ihm. Oft sieht man den 81-Jährigen mit schwachen Schritten unsicher über die Bühne tapsen. In seinen Reden hört man ihn unverständlich nuscheln. Er vergisst Namen und Orte, spricht Tote an, verwechselt Zahlen. Kritiker verspotten ihn als halb-senil. Mehr als die Hälfte der Wähler (55 Prozent) hat große Zweifel, dass er dem Job im Weißen Haus noch gewachsen ist.
Auch in der Demokratischen Partei hegen viele Bedenken, doch es hat sich kein ernsthafter Herausforderer für den Mann aus Delaware gefunden. Seine unbeliebte Vizepräsidentin Kamala Harris ist ihm keine Hilfe. In den wichtigen Swing-States Arizona, Georgia, Michigan, Nevada, Pennsylvania und Wisconsin, die über den Ausgang der Präsidentenwahl entscheiden, liegt Trump laut Umfragen vor Biden. „Die Demokraten schlafwandeln auf die Katastrophe zu“, findet Zanny Minton Beddoes, die Chefredakteurin des „Economist“-Magazins.
Der Untergang der Demokratie?
Anders als Biden macht Ex-Präsident Donald Trump trotz seiner 77 Jahre den Eindruck, dass er körperlich und mental recht fit sei, und er genießt es, vor jubelnden Massen einpeitschende Reden zu halten. Auch dass er gegenwärtig vor mehreren Gerichten wegen 91 angeblicher Straftaten angeklagt ist, hat Trump bei seinen Anhängern nicht geschadet. Im Gegenteil konnte er daraus ein Opfer-Narrativ entwickeln: Politisch motivierte Staatsanwälte und Richter veranstalteten inzwischen eine politische Hexenjagd gegen ihn, sagen Trumps Anhänger. Der „tiefe Staat“ verfolge ihn und die „Make America Great Again“-Bewegung. Trump hat die Republikanische Partei weitgehend auf seine Linie gebracht.
Seine Gegner malen jetzt den Untergang der amerikanischen Demokratie an die Wand, falls der New Yorker Immobilienmagnat wieder ins Weiße Haus komme. „Eine Trump-Diktatur ist zunehmend unvermeidlich“, schrieb Robert Kagan, ein neokonservativer Intellektueller, in einem langen und viel beachteten Essay in der „Washington Post“ im Dezember. Auf den Diktator-Vorwurf angesprochen, sagte Trump im Interview von Fox News spitzbübisch: „Nein, nein, nein, nur am ersten Tag“ werde er ein Diktator sein, da wolle er „die Grenzen schließen und (nach Öl) bohren, bohren, bohren“, sagte er. „Danach bin ich kein Diktator, Ok?“ Das hat seine Gegner nicht beruhigt.
Linksliberale US-Kreise sind in heller Aufregung. Die US-amerikanische Zeitschrift „The Atlantic“ publizierte eine ganze Sonderausgabe „If Trump wins“ voller angsterfüllter Prophezeiungen. Schon nach seinem ersten Wahlsieg 2016 kamen Bücher mit Titeln wie „Trumpocracy“, „Trumpocalypse“ und „How Democracy Ends“ auf den Markt. Der amerikanische „Spectator“-Kolumnist Freddy Gray erwartet, dass das Panikorchester im November wieder aus vollen Rohren blasen wird. Seine Gegner fürchten, dass Trump Rache nehmen wird für die Schmach der Abwahl 2020.
Auch in Europa führt die Aussicht auf eine Wiederkehr Trumps als Präsident schon zu heftigen Abwehrreflexen. Trump würde die NATO schwächen und die Ukraine nicht mehr unterstützen, befürchten transatlantisch ausgerichtete Politiker. Und Grüne fürchten, dass Trump aus den Klimaschutzabkommen aussteigt. Jedenfalls dürfte sich die Weltlage mit Trump im Weißen Haus drastisch ändern.


