16.05.2026

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Folge 03-24 vom 19. Januar 2024 / TV-Kritik / Monster im Grenzland / Was geschah bei der Oderflut von 1997? – Die achtteilige Mysteryserie „Oderbruch“ unterläuft gewohnte Seh-Gewohnheiten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 03-24 vom 19. Januar 2024

TV-Kritik
Monster im Grenzland
Was geschah bei der Oderflut von 1997? – Die achtteilige Mysteryserie „Oderbruch“ unterläuft gewohnte Seh-Gewohnheiten
Anne Martin

Grau ist es in diesem abgelegenen Grenzland nahe Polen. Die Kamera schwenkt über kahle Bäume, verdorrte Heide, überflutete Wiesen, aus denen abgestorbene Baumstümpfe ragen. In ärmlichen Häusern mit abgeblätterten Wänden hausen Menschen mit eingefallenen Gesichtszügen und erloschenen Augen. „Oderbruch“ nennt die ARD die achtteilige Mysteryserie lakonisch (19. und 26. Januar, ab 22.20 Uhr mit jeweils vier Folgen).

Der Oderbruch ist das dünn besiedelte Grenzgebiet zwischen Frankfurt an der Oder, Küstrin und Eberswalde. Hier, nur noch knapp 100 Kilometer von Berlin entfernt, tobte im April 1945 eine der letzten großen Abwehrschlachten der deutschen Wehrmacht gegen die Rote Armee. Zehntausende verloren im Kampf um die Seelower Höhen ihr Leben, der Boden war blutgetränkt. Immer noch werden hier Gebeine von Gefallenen gefunden. 

Aber dieser historische Hintergrund ist es nicht, der die Fernsehmacher interessierte. Der Plot: In dem fiktiven Dörfchen Krewlow stoßen zwei Angler zufällig auf einen Leichenberg. Es handelt sich um Tierkadaver und menschliche Leichen, alle ausgeblutet. Eines der Opfer lebt noch. Das letzte, was der sterbende Mann auf einen Zettel schreiben kann, sind Krakel, die der polnische Ermittler Stanislaw Zajak (Lukas Gregorowicz) später zu einem Vornamen zusammensetzt. 

Rückblenden zeigen eine dysfunktionale Familie in einer ärmlichen Hütte, wo der kleine Sohn vom Vater misshandelt und von seiner großen Schwester beschützt wird. Nach dem monströsen Leichenfund wird diese längst erwachsene Schwester in ihre alte Heimat zurückkehren und nach ihrem Bruder suchen, der angeblich seit der großen Oderflut im Jahre 1997 verschollen ist. Ein weiterer Erzählstrang zeigt ein Internat kurz hinter der Grenze, ebenfalls von Düsternis umweht, in dem die dort lebenden Straßenkinder dazu gezwungen werden, in regelmäßigen Abständen Blut zu spenden. Was geht in dieser Region vor?

Mehrere Polizisten nehmen die Spur auf, öffnen knarzende Türen, sprechen mit einsilbigen Menschen. Rückblenden verwirren mehr, als dass sie den Zuschauern erhellende Puzzleteile an die Hand geben. Da wäre etwa ein Vorfall aus der Kindheit, wo die Schwester den kleinen Bruder vor den Nachstellungen eines Mitschülers beschützt. Sie schubst den Quälgeist in den Stacheldraht, setzt ihm nach, und hat plötzlich überall Blut im Gesicht. Irgendein Geheimnis geistert durch die Einöde, Karoline Schuch als Maggie Kring nähert sich dem Ungeheuren in kleinen Schritten und mit versteinerter Miene. Zunächst findet sie heraus, dass ihr Bruder Kai (Julius Gause) noch lebt und in den letzten Jahrzehnten kaum gealtert ist. Wie kann das sein? 

Wer Serienware der Öffentlich-Rechtlichen gewohnt ist, erlebt hier durchaus Schockmomente. Man wolle auch die jüngeren Zuschauer erreichen, die sonst eher Streaming-Dienste abrufen, heißt es seitens des Senders, was nur bedeutet, dass mit Effekten nicht gespart wird. In teilweise verstörenden Bildern entwickelt sich das Panorama eines Landstrichs, in dem einige der Bewohner mit einem düsteren Geheimnis geschlagen sind. Überraschende Wendungen, die zur Grundausstattung jedes Krimis gehören, werden hier ins Aberwitzige gedreht. Mehr darf nicht verraten werden.