16.05.2026

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Folge 03-24 vom 19. Januar 2024 / Für Sie gelesen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 03-24 vom 19. Januar 2024

Für Sie gelesen

Willkür und Rechtlosigkeit

In Sasha Filipenkos Roman „Kremulator“ war der Protagonist Pjotr Nesterenko Offizier der Weißen Armee, Hasardeur, Emigrant in Paris und Istanbul sowie Stalin-Diener bei seiner Rückkehr in die Sowjetunion und schließlich Direktor des Moskauer Krematoriums. Nach seiner Verhaftung im Jahr 1941 sagt er in einem Verhör, das der Ermittler Perepeliza (Wachtel) leitet: „Binnen weniger Minuten war auf den Schiffen die übliche Willkür ausgebrochen, jene Rechtlosigkeit, die tief in der russischen Erde zu wurzeln scheint und uns seit Jahrhunderten fest im Griff hat.“

Darin kommt die Intention des weißrussischen Autors zum Ausdruck, der seit 2020 im Exil lebt und mit seinen Romanen gegen Unrecht und Terror in Russland anschreibt. 

Virtuos lässt er Nesterenko, der adeliger Abstammung ist und überzeugt, davonzukommen, die verschlungenen Wege seines Lebens in Verhören mit dem unnachgiebigen Ermittler schildern, dem er sich überlegen fühlt. Währenddessen hält er unerschütterlich an der Liebe zu seiner Jugendfreundin Vera (Glaube) fest, wohl wissend, dass diese längst dem Regime zum Opfer gefallen ist.

Der lesenswerte Roman entstand auf der Grundlage historischer Dokumente der Menschenrechtsorganisation Memorial. MRK

Sasha Filipenko: „Kremulator“, Diogenes Verlag, Zürich 2023, gebunden, 255 Seiten, 25 Euro





Samsons zweiter Fall

Im zweiten Fall „Samson und das gestohlene Herz“ ermittelt Samson nicht in einem Mordfall, sondern es geht um illegalen Tierhandel in Kiew. Das Töten der Tiere stellt für die neuen Machthaber ein Verbrechen dar. Bevor die Ermittlungen richtig begonnen haben, wird Samsons Freundin Nadjeschda von streikenden Eisenbahnern entführt. Immer wieder mischt sich der undurchsichtige Tschekist Abjasow in die Ermittlungen ein, bis er schließlich abgezogen wird. Schnell kann Samson mithilfe seines trägen Kollegen Cholodnij Nadjeschda befreien und die beiden heiraten, jedoch heimlich bei einem merkwürdigen Popen, da kirchliche Trauungen im Kommunismus gefährlich sind. 

Die kurzweilig erzählte Geschichte spielt, wie schon Samsons erster Fall, in den Wirren nach der Russischen Revolution, als vieles im Unklaren liegt und sich die Regeln ständig ändern können. Andrej Kurkow schildert groteske Situationen aus dem Alltag der jungen Sowjetunion. Der in russischer Sprache schreibende Schriftsteller gilt als wichtigster zeitgenössischer ukrainischer Autor. Seine Romane wurden bereits  in 42 Sprachen übersetzt.MRK

Andrej Kurkow: „Samson und das gestohlene Herz“,  Diogenes Verlag, Zürich 2023, gebunden, 432 Seiten, 24 Euro