17.04.2026

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Folge 04-24 vom 26. Januar 2024 / Türkei / Atatürk ohne Laizität / Wie der Islamist Erdoğan versucht, den religionskritischen „Vater der Türken“ umzudeuten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-24 vom 26. Januar 2024

Türkei
Atatürk ohne Laizität
Wie der Islamist Erdoğan versucht, den religionskritischen „Vater der Türken“ umzudeuten
Bodo Bost

In der Türkei ist die Ende Dezember gestartete neue Fernsehserie „Rote Knospen“ über die Kluft zwischen säkularem Lebensstil und religiös-konservativen Gruppen auf Druck islamischer Sekten abgesetzt worden. In einer Folge wurde gezeigt, wie ein minderjähriges Mädchen mit einem islamischen Sektenführer zwangsverheiratet werden sollte. Regierungsnahe Medien hatten die prominent besetzte Serie als islamfeindlich kritisiert, einflussreiche Sekten ein Verbot gefordert. Die Opposition hingegen berief sich auf die seit dem Gründer der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, in der türkischen Verfassung verankerten Laizität und prangerte islamische Umtriebe an. Unter dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gedeihen streng islamische Sekten, die heute in der Türkei fast drei Millionen Mitglieder haben, aber von Atatürk verboten worden waren.

Fenerbahçe und Galatasaray, zwei der größten türkischen Fußballmannschaften, sollten Ende vergangenen Jahres in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad gegeneinander antreten. Nachdem Fans der beiden Mannschaften das Konterfei Atatürks gezeigt hatten, wurden sie von den Saudis aufgefordert, diese im Stadion zu entfernen. Die Saudis wollten also Atatürk, den Vater der Nation bis heute, bei einem großen türkischen Sportereignis verbieten. Die Hölle brach los. Beide Mannschaften und ihre Fans verließen vor Spielbeginn Saudi-Arabien wutentbrannt. 

Dabei hat sich Saudi-Arabien gerade erst für die Fußballweltmeisterschaft 2030 beworben. Die Fernsehsender der türkischen kemalistischen Oppositionspartei CHP beschuldigten die Erdoğan-Regierung, so etwas zuzulassen. Der CHP-Bürgermeister von Ankara benannte die Straße um, in der sich die saudische Botschaft befindet, und ein Istanbuler Bürgermeister ließ ein Bild von Atatürk vor dem saudischen Konsulat in Istanbul, in dem der saudische Staatsbürger Jamal Khashoggi 2019 vom saudischen Geheimdienst ermordet worden war, aufhängen.

Atatürk-feindlich sein ...

Die islamische Tradition der Türkei, mit der Erdoğan und seine Gesinnungsgenossen groß geworden sind, ist ausdrücklich gegen Atatürk. Auch wenn Erstere nun an der Macht sind, haben sie doch feststellen müssen, dass sie seine Verfassung zwar haben aushöhlen können, dass er selbst aber eine zu mächtige Figur ist, um sie über Nacht oder auch nur innerhalb einer einzigen Generation niederreißen zu können. Erdoğan hätte nie einen Wahlkampf gewonnen, wenn er ausdrücklich mit seinen antikemalistischen Überzeugungen geworben hätte. Also hat er den Republikgründer umgedeutet. Sein Atatürk ist nicht der Gründer einer säkularen, westlich orientierten Republik, sondern der Held von Gallipoli im Ersten Weltkrieg – der eigentlich der deutsche General Liman von Sanders war – und der General des türkischen Unabhängigkeitskrieges, ein Mann, der sich tapfer gegen die westlichen Mächte gewehrt und den Diktatfrieden von Sèvres nie anerkannt, geschweige denn umgesetzt habe.

Türkische Beamte eifern im Allgemeinen Erdoğans nuancierter Haltung in dieser Frage nach. Deshalb gab der Sprecher der türkischen Regierungspartei AKP, Ömer Çelik, bei Ausbruch der Krise mit Saudi-Arabien eine trockene Erklärung ab, in der er die Saudis verurteilte. Aber die meisten Menschen glauben das nicht wirklich. Die Nachricht kursierte, dass die türkischen Behörden zunächst einem Atatürk-Verbot zugestimmt, die Teams aber dabei nicht mitgemacht hätten. 

... aber Atatürk-freundlich scheinen

Das Problem des türkischen Regimes ist, dass seine kollektive Umdeutung Atatürks viel Energie und Koordination erfordert. Meistens eifert die Elite Erdoğan nach, wenn es darum geht, ihren Antikemalismus zu verschleiern, aber hin und wieder entgleiten ihr Dinge, vor allem wenn Ausländer beteiligt sind. Wahrscheinlich dachten die Saudis, die meisten Türken seien wie die Menschen, mit denen sie Geschäfte machen, und die Leute, die den Deal aushandelten, dachten wahrscheinlich, sie könnten die Dinge am Tag des Spiels klären. Sie wurden nachlässig.

Ein Teil des Problems bestand darin, dass es nicht irgendein Land war, das Atatürk verbot, sondern Saudi-Arabien. Ein Teil des wahhabitischen Königreichs gehörte bis 1918 zum Osmanischen Reich. Deshalb beanspruchen türkische Nationalisten und radikale Moslems eine gewisse Überlegenheit gegenüber den Arabern, die sie als generell rückständig betrachten. Dies ist umso schmerzlicher, als sich die Kemalisten heute wirtschaftlich und politisch entmachtet fühlen. 

Nicht nur, dass sie fest unter der Fuchtel von Erdoğans radikal-islamischem Regime stehen, dieses Regime scheint auch von der Freigebigkeit der saudisch geführten Golfstaaten abhängig zu sein. Hinter der Wut steckt also Verzweiflung, die Vorstellung, dass die Türkei schwach sei und zum Verkauf stehe. Eine große und starke Türkei wollen jedoch türkische Nationalisten und Moslems.