Kürzlich starb die Chilenin Cristina Calderón, die letzte Sprecherin des Yaghan. Mit ihr verstummte diese Sprache mit ihr. Und bald wird in Nepal etwas Vergleichbares passieren, weil hier nur noch eine einzige Person lebt, welche Kusunda beherrscht.
Dass die Menschheit mit dem Verschwinden von Sprachen einen kulturellen Verlust erleidet, liegt auf der Hand. Groß ist der Schaden ganz besonders, wenn es sich – wie in den beiden erwähnten Fällen – um isolierte Sprachen handelt, die nicht mit den rund 7000 Sprachen aus etwa 140 bekannten Abstammungslinien wie der indoeuropäischen oder nilosaharischen verwandt sind.
Solche isolierten Sprachen, deren Entstehung völlig im Dunkeln liegt, gibt es heute noch um die 200. Dazu zählen das Baskische, dessen Wurzeln mehr als 5000 Jahre in die Vergangenheit zurückreichen, das Koreanische und das pakistanische Burushaski sowie die südamerikanischen Idiome Pirahã, Nasa Yuwe, Paez, Purépecha und Tsimané.
Manche dieser Sprachen dürften überleben, weil mehrere Millionen Menschen sie verwenden, andere sind dahingegen dem Untergang geweiht: Experten schätzen, dass bis zum Jahr 2100 jede dritte oder gar zweite isolierte Sprache verschwinden wird, wie es nicht nur mit dem Yaghan passierte, sondern früher beispielsweise schon mit dem Sumerischen, Etruskischen und Minoischen.
Deshalb kämpfen Linguisten darum, noch möglichst viel über die isolierten Sprachen zu erfahren, bevor deren letzte Stunde schlägt. Dabei geht es keineswegs nur um die Bewahrung des kulturellen Erbes. Vielmehr enthalten die Isolate auch zahlreiche Elemente, die von einer ungewöhnlich großen Bandbreite der menschlichen Kommunikationsmöglichkeiten zeugen. Das verleiht ihnen erhebliche Bedeutung im Hinblick auf die Diskussionen rund um die immer noch umstrittene These, dass Sprache das Denken beeinflusse.
So zeigen die isolierten Sprachen, wie sprachliche Eigenheiten das Verstehen der Welt erschweren können. Denn sie führen manchmal zu kognitiven und sozialen Einschränkungen, die dann letztlich auch das Aussterben von Sprachen durch einen Schwund der Population, welche das entsprechende Idiom verwendet, erklären.
Die Gefahr von Denkblockaden
Beispielsweise kennt das Kusunda keine solch essentiellen Wörter wie „Nein“. Bei anderen isolierten Sprachen wie dem Pirahã fehlen dahingegen die Zahlwörter. Oder die Zählweise ist so unpraktisch wie im Falle des mexikanischen Purépecha, das ein sogenanntes hybrides Qinär-Dezimal-Vigesimal-System verwendet. Dadurch werden bestimmte Denkvorgänge oder Diskussionen von vornherein blockiert.
Deshalb ist höchste Vorsicht angebracht, wenn selbsternannte Sprachpolizisten neue Sprachregelungen durchdrücken wollen, um „Gerechtigkeit zu schaffen“ oder die „Diskriminierung von Minderheiten zu beenden“. Alternative Möglichkeiten, etwas verbal zum Ausdruck zu bringen, müssen nicht zwangsläufig das Denken erweitern, sondern können auch in kognitive Sackgassen führen, was besonders dann gilt, wenn sie mit parallelen Sprachverboten einhergehen. W.K.


