19.04.2026

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Folge 04-24 vom 26. Januar 2024 / Erinnerung / Auf der Suche nach der eigenen Geschichte / Hagen Schulz-Hildebrand stieß auf ein Rätsel um die verschütteten Knochen von 200 Menschen in Königsberg

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-24 vom 26. Januar 2024

Erinnerung
Auf der Suche nach der eigenen Geschichte
Hagen Schulz-Hildebrand stieß auf ein Rätsel um die verschütteten Knochen von 200 Menschen in Königsberg
Dagmar Jestrzemski

Ein Besuch in seinem Geburtsort Königsberg [Kaliningrad] Anfang der 1990er Jahre veranlasste Hagen Schulz-Hildebrand, geboren 1939, zur Beschäftigung mit seiner persönlichen Geschichte sowie mit der Geschichte und dem Untergang von Königsberg. 

In seinem Buch „Ortstermin. Die Reise nach K.“ hat er noch sichtbare Spuren im ehemaligen Stadtteil Hufen, dem einstigen Wohnort seiner Familie, und eigene, teils rudimentäre Erinnerungen zusammengefügt. Im zweiten Teil des Buches konkretisiert und begründet er seinen Verdacht, auf Hinweise zu einem der letzten Holocaust-Massaker des NS-Regimes gestoßen zu sein. 

Mit seiner Schwester hatte der Autor am Westwerk des Doms nach der Stelle gesucht, an der sich die ebenerdige südliche Turmstube befand, die im Krieg zu einem Luftschutzbunker ausgebaut war. Bei dem Bombardement am 28. August 1944 hatte er es mit seinen Geschwistern und seiner Mutter geschafft, der Feuerwalze der brennenden Innenstadt zu entkommen, und man hatte sie zum Dom dirigiert. 5000 Menschen starben elendiglich bei dem Luftangriff durch ein britisches Bombergeschwader. 

Am Tag nach der Katastrophennacht stemmten Suchtrupps ein Loch in die Domfassade, durch das sie mit Decken herausgezogen wurden. Anfang der 1990er Jahre befand sich an dieser Stelle eine von der evangelischen Gemeinde verwaltete Kapelle. Hier wurden sie von einer Mitarbeiterin der Gemeinde mit einer verstörenden Nachricht konfrontiert. 

Sie berichtete ihnen, dass man die Turmstube in späteren Jahren geöffnet und dabei die Knochen von etwa 

200 Menschen, überwiegend Kindern, unter Schuttmassen entdeckt habe. Man hielt sie für Opfer des Bombenangriffs. Zum Gedenken an die unbekannten Toten sei eine der vier 1995 neu installierten Glocken „Kinderglocke“ genannt worden. Der Autor und seine Schwester hegten jedoch begründete Zweifel daran, dass diese Kinder, an die nur der Name einer Glocke erinnert, tatsächlich Opfer des Bombenangriffs vom 28. August 1944 gewesen sind.

Vermutung aufgrund von Zeitzeugenberichten

Schulz-Hildebrandt erwägt, dass es sich bei den sterblichen Überresten um ermordete Kinder und alte Menschen handeln könnte, die beim Herannahen der Russen aus den ostpreußischen Häftlingslagern nach Königsberg transportiert worden waren. 

Da abzusehen war, dass kleinere Kinder und ältere Menschen den Todesmarsch nach Palmnicken nicht überstehen würden, wird die Mehrzahl von ihnen getötet worden sein, vermutet er und beruft sich dabei auf Zeitzeugenberichte. Aufgrund eigener Recherchen hat er den Eindruck gewonnen, dass auf russischer Seite kein Interesse an der Aufklärung mutmaßlicher Verbrechen und damit an der Schaffung eines Erinnerungsortes am Königsberger Dom besteht. 

Bei der Flucht aus Ostpreußen im Januar 1945 war Schulz-Hildebrandt fünf Jahre alt. In Norddeutschland wuchs er auf und hat seine Heimat auch später nicht definieren können. Bedingt durch seine berufliche Tätigkeit war er in mehreren Großstädten der Welt ansässig. 

Durch den bewegenden Bericht von Michael Wieck über das Königsberg seiner Kindheit und Jugend in dessen Buch „Zeugnis vom Untergang Königsbergs“ öffnete sich für ihn der Blick in die Lebenswelt seiner Eltern im Stadtteil Hufen, in deren unmittelbarer Nachbarschaft Wieck wohnte. Die Briefe seines Vaters führten ihn zur Erkenntnis, dass auch seine Eltern, die, wie er schreibt, sich unpolitisch wähnten, in „jener Aura systematischer Verlogenheit“ gefangen waren, wie Hannah Ahrendt es zutreffend bezeichnete. Die berühmte Philosophin verbrachte die meisten ihrer Kinder- und Jugendjahre im Königsberger Stadtteil Hufen.

Hagen Schulz-Hildebrandt: „Ortstermin. Die Reise nach K.“, Verlag Haag & Herchen, Hanau 2023, broschiert, 77 Seiten, 18 Euro