17.04.2026

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Folge 04-24 vom 26. Januar 2024 / Editorial / Ein Weltbürger und seine Heimat

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-24 vom 26. Januar 2024

Editorial
Ein Weltbürger und seine Heimat
René Nehring

Das Festprogramm ist durchaus ordentlich. Trotz knapper Kassen würdigt der deutsche Kulturbetrieb Immanuel Kant, den wohl bedeutendsten Denker der Moderne überhaupt, mit allerlei Aktivitäten. So versucht die Bundeskunsthalle in Bonn derzeit, in ihrer großen Ausstellung „Kant und die offenen Fragen“ das Werk des Königsberger Philosophen einem breiten Publikum zu erschließen. Das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg erhält einen – von Bund und Land Niedersachsen finanzierten – Erweiterungsbau, der vorwiegend Kants Lebenswelt und seiner Philosophie gewidmet ist (siehe hierzu das Interview ab Seite 6 dieser Beilage). Auch in zahlreichen weiteren Veranstaltungen – einschließlich eines Festaktes unter Teilnahme des Bundeskanzlers – soll Kants gedacht werden. Und nicht zuletzt erscheinen auf dem Buchmarkt zahlreiche Biographien und Werkeditionen, die es ermöglichen, das Thema je nach Interesse zu vertiefen. 

Und doch schwingt auch diesmal – wie eigentlich immer, wenn es um eine große Persönlichkeit aus dem historischen deutschen Osten geht – ein ungutes Gefühl mit. Denn da als Folge von Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten die Orte, an denen zum Beispiel Joseph v. Eichendorff, Käthe Kollwitz, Arthur Schopenhauer, Daniel Fahrenheit, Lovis Corinth, Uwe Johnson, Alfred Döblin, Dietrich Bonhöffer, Gerhart Hauptmann und viele andere das Licht der Welt erblickten, wo sie aufwuchsen und ihre Prägungen erfuhren, heute politisches Ausland ist, finden die Jahrestage im deutschen Kulturbetrieb regelmäßig in einem abstrakten, unkonkreten Raum statt. 

Gedenken ohne Kenntnis der Heimatregion?   

Ja, allzu oft wird geradezu verdrängt, aus welchen Orten die Genannten und unzählige weitere gute Geister der Kulturnation stammten. Doch ist es möglich, sich das Werk der Geehrten wirklich zu erschließen, wenn man den geographischen Kontext ihres Lebens nicht kennt? Was sind zum Beispiel Eichendorffs Verse ohne Kenntnis jener Landschaften und Orte, die den Dichter und Staatsdiener geprägt haben und die überwiegend östlich der Elbe lagen, allen voran seine schlesische Heimat? Im Falle von Goethe und Schiller käme wohl niemand auf die Idee, in der Auseinandersetzung mit ihrem Leben und Werk den Weimarer Mikrokosmos, zu dem weitere Dichter wie Christoph Martin Wieland und Johann Gottfried Herder, aber auch bestimmte Häuser und Parks gehörten, auszublenden.

Auch Immanuel Kants Schriften sind nicht denkbar ohne ein wenigstens oberflächliches Bewusstsein für jene Region, in der sie entstanden sind. Gerade weil Kants Geburtsstadt Königsberg und seine Heimatprovinz Ostpreußen infolge der Verwerfungen des 

20. Jahrhunderts unwiederbringlich zerstört sind und heute noch nicht einmal – wie Weimar – als Museumslandschaft besichtigt werden können, lohnt es, immer wieder auch darauf zu blicken, in welcher Welt sein Verständnis von Aufklärung – vom Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen – eigentlich entstanden sind. 

Das Königsberg Kants war Teil eines intakten Netzes aus geistig-kulturellen, ökonomischen und politischen Beziehungen, das schon zu Lebzeiten des Philosophen bereits einige Jahrhunderte bestand und das sich bis zu seiner Zerschlagung am Ende des Zweiten Weltkriegs kontinuierlich weiterentwickelte – und sich dabei zumeist unbeeindruckt vom Lauf der Zeiten zeigte. In Kants Geburtsjahr 1724 wurden Königsberg und Preußen vom „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. regiert; als Kant 1804 starb, hieß der König Friedrich Wilhelm III., der Gemahl der Königin Luise. Dazwischen wurde der Philosoph Zeitzeuge der gesamten Ära Friedrichs des Großen, einschließlich der Besetzung Königsbergs durch das russische Heer im Siebenjährigen Krieg. Die Erstausgaben von Kants Hauptwerken „Kritik der reinen Vernunft“ und „Kritik der Urteilskraft“ erschienen 1781 und 1785 nicht in Leipzig oder Frankfurt (Main) oder in einem anderen deutschen Verlagsort, sondern in Riga, also weit außerhalb der Reichsgrenzen und doch – im Verlag des Johann Friedrich Hartknoch – inmitten des deutschen Kulturkreises. 

Ein einzigartiges geistiges Klima  

Apropos Kulturkreis: Rund zweihundert Jahre vor Kants Geburt löste Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach in Königsberg den Deutschordensstaat auf und bekannte sich zu den reformatorischen Ideen Martin Luthers. Albrecht schuf nicht nur mit dem Herzogtum Preußen den ersten protestantischen Staat der Geschichte, sondern gründete mit der nach ihm benannten Albertina eine Universität, die schon bald weit ins Baltikum, nach Russland und Polen hinein strahlte sowie dortige große Geister nach Preußen lockte. Es hatte durchaus seinen Grund, warum der Albertina-Schüler und spätere Professor Kant, der Ostpreußen nie verlassen hat, gleichsam imstande war, ein Weltbürger zu sein. Und während Herzog Albrecht mit seiner Reformation die Welt erschütterte, arbeitete gerade einmal achtzig Kilometer südlich davon in Frauenburg – also gleichfalls am Frischen Haff in Ostpreußen, doch in der fortan katholischen Insel des Ermlandes – der Domherr und Astronom Nikolaus Kopernikus an seinem Werk „De revolutionibus orbium coelestium“ (Deutsch: Über die Umlaufbahnen der Himmelssphären“), das jedoch erst 1543 mit seinem Tod erscheinen konnte, und begründete damit unser heutiges heliozentrisches Weltbild. 

Viele weitere bedeutende Persönlichkeiten vor, während und nach Kants Leben – wie etwa die Philosophin Hannah Ahrendt, die zwar in Hannover-Linden geboren wurde, jedoch in Königsberg aufwuchs und sich noch lange nach ihrer Vertreibung aus Deutschland in New York als Kind der Stadt am Pregel verstand – ließen sich nennen, die darauf hinweisen, dass es kein Zufall war, dass ein Ausnahmedenker wie Kant gerade in dieser Region heranwuchs. Vielmehr hat es hier ein besonderes geistiges Klima gegeben, dass es Kant ermöglichte, auch ohne ausgedehnte Studienreisen zu den großen Universitäten, Metropolen und Höfen jener Zeit Schriften von universeller Ausrichtung zu verfassen, die gleichsam in der Welt auf Widerhall stießen und bis heute an Aktualität nichts verloren haben. Um so mehr muss es erstaunen, ja erschrecken, dass diesem geistig-kulturellen Umfeld Kants heute nicht nur wenig Achtung geschenkt wird, sondern – als Folge seiner Zerstörung – sich gerade in Deutschland der Glaube festgesetzt hat, dass die Regionen östlich von Oder und Neiße stets rückständig und reaktionär gewesen seien. Was für ein Irrtum! 

Verständlich ist dieses Miss-Verständnis nur vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte. Als sich in den Jahrzehnten nach 1945 die schmerzhafte Erkenntnis durchsetzte, dass der territoriale Verlust des deutschen Ostens nicht zu revidieren sei, setzte sich vielerorts damit einhergehend auch der Wunsch durch, die Geister der Vergangenheit endlich ruhen zu lassen. Die Kinder des deutschen Ostens wurden in die beiden deutschen Nachkriegsstaaten integriert, auch die nachfolgenden Spätaussiedler erhielten ein neues Zuhause, und mit der Zeit – so die Hoffnung – würden alle Wunden heilen. Und wenn hierzulande niemand mehr an die deutsche Geschichte jenseits der heutigen Staatsgrenzen erinnerte, dann würde es für uns auch keinen Ärger mehr damit gehen. Das Ergebnis dieser Vogel-Strauß-Haltung ist, dass die heutigen Deutschen kaum noch etwas von jenen Regionen wissen, die ihre Vorfahren jahrhundertelang nicht nur bis an die Grenzen des Kaiserreiches, sondern auch darüber hinaus bis weit nach Russland hinein geprägt haben. 

Die Vergangenheit gibt keine Ruhe  

Dass die deutsche Abkehr vom Osten keineswegs dazu führte, dass dort die Geister der Vergangenheit zur Ruhe kommen – oder dass gar die Geschichte stillsteht –, zeigen seit Jahren die Verwerfungen zwischen Europäischer Union und NATO einerseits und Russländischer Föderation andererseits. In deren Folge ist auch Kants Heimat, das nördliche Ostpreußen und seine 1946 in Kaliningrad umbenannte Geburtsstadt, wieder Frontgebiet eines explosiven Konfliktes geworden. Erst vor wenigen Tagen erreichten die deutsche Öffentlichkeit Meldungen über mögliche Kriegsszenarien rund um die „Suwalki-Lücke“, jenen schmalen Grenzabschnitt zwischen Polen und Litauen, der als Achillesferse des westlichen Bündnisses gilt. Ausgangspunkt der „Suwalki-Lücke“ ist die östliche Grenze der heute russischen Oblastj Kaliningrad – damit droht ausgerechnet jene Region, in der Kant 1795 seine Schrift „Zum ewigen Frieden“ veröffentlichte, zum Ausgangspunkt eines neuen Krieges zu werden. 

Schon dieses Beispiel zeigt, dass die geistige Welt Immanuel Kants zwar in der Geschichte verschwunden sein mag, dass sie jedoch physisch trotz aller Verwerfungen und Zerstörungen noch immer vorhanden ist. Und dass es geboten ist, zum 300. Geburtstag des Philosophen nicht nur seine Schriften (wieder zu) entdecken, sondern dass es auch geraten ist, sich den Raum, in dem diese entstanden, (wieder) zu erschließen. 

PS: „Ganz nebenbei“ wird man dabei nicht nur auf Kant und die in diesem Text genannten Personen stoßen, sondern auch auf unzählige weitere große Geister und Akteure, ohne die die deutsche und europäische Geschichte schlichtweg undenkbar sind. 

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