Im Gespräch mit Michael Wolffsohn
Nie wieder‘ ist jetzt!“, ertönte es in den letzten Tagen und Monaten auf Deutschlands Straßen. Auf großen Demonstrationen – zumeist „gegen Rechts“ – setzen Bürger dieses Landes „Zeichen“ gegen den wachsenden Antisemitismus. Allerdings blenden sie dabei aus, dass Juden in Deutschland derzeit weniger von Rechtsextremisten als vielmehr aus dem Kreis muslimischer Zuwanderer bedroht werden. Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn setzt dagegen ein anderes Zeichen und beklagt in seinem neuen Buch, dass Antisemitismus in Deutschland längst wieder salonfähig ist – und zwar auf gänzlich andere Weise, als es in den Medien zumeist dargestellt wird.
Herr Wolffsohn, in Zeiten einer vielfachen Beschwörung des „Nie wieder!“ in Sachen Antisemitismus veröffentlichen Sie einen Essay, in dem Sie hinter die beschwörende Formel nicht nur ein Fragezeichen setzen, sondern sogar ein „Schon wieder!“ Warum?
Weil es ein Schon-Wieder des Antisemitismus gibt. Freilich, anders als üblicherweise behauptet, nicht nur ein rechtsextremistisches, sondern mehr denn je in der Bundesrepublik Deutschland ein linksextremistisches, ganz allgemein linkes und linksliberales sowie, am stärksten und neu, einen muslimischen Antisemitismus.
Gleich zu Beginn Ihres Buches bezeichnen Sie Antisemitismus nicht nur als quasi wieder da, sondern sogar als „Eintrittskarte in die europäische Gesellschaft“? Was meinen Sie mit diesem doch sehr harten Vorwurf?
Wenn Sie an die von mir genannten drei Quellen des neuen Antisemitismus denken, dann ist das ein sehr breites Spektrum. Am rechtesten Rand, „Populismus“ genannt, gehört der Antisemitismus als Eintrittskarte seit jeher einfach dazu. Bei den diversen linken Gruppen ebenfalls. Neu ist das bei den Linksliberalen. Für die diversen Linksgruppen ist Israel der unheilige Gottseibeiuns und die Diasporajuden der vermeintlich verlängerte Arm Israels. Israel gilt in dieser nicht nur europäischen Gesellschaft als Produkt des Kolonialismus des weißen Mannes. Das sehen viele Muslime ähnlich.
Dieser Unsinn ist besonders in akademischen Kreisen beliebt. Nicht zuletzt an amerikanischen Elite-Universitäten. Ironie der Geschichte: Auch diese Kenntnislosen, oft mit akademischen Würden ausgestattet, benutzen gerne jüdische Legitimatoren. Die lösen ihrerseits mit Antisemitismus jene Eintrittskarte. Obwohl es Wahnsinn ist, so hat es doch Methode.
Welche Spielarten des Antisemitismus diagnostizieren Sie – und welche halten Sie derzeit für die gefährlichste?
Siehe oben. Dabei ist der muslimische am militantesten. Ebenfalls anders als amtlich verbreitet sowie seit Jahren kontinuierlich durch Umfragen belegt. Umfragen, wohlgemerkt, bei be- und getroffenen Juden in ganz Europa. Zu zirka 40 Prozent komme verbale und körperliche Gewalt gegen Juden – so diese selbst – von muslimischen Tätern, zirka 25 Prozent von Linken und plus/minus 20 Prozent von Rechtsextremisten. Alle drei höchst unerfreulich, aber eben alter und neuer Antisemitismus.
Obwohl also offenkundig ist, dass jüdisches Leben derzeit am stärksten von radikalen Muslimen bedroht wird, wurde auf den pro-israelischen Demonstrationen nach dem Schwarzen Sabbat des 7. Oktober 2023 – wie Sie den Tag der Hamas-Terrorattacken gegen Israel nennen – vor allem der „Kampf gegen Rechts“ beschworen. Wie erklären Sie sich das?
Dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Wunschdenken dieser Art ist nicht typisch deutsch, aber menschlich. Irren ist eben menschlich. Und wer kann im Kopf gespeicherte Daten mir nix, dir nix löschen?
Aber warum werden die Dinge nicht klar beim Namen genannt? Haben die Meinungsführer in Politik und Medien unseres Landes Angst vor dem radikalen Islam? Haben sie gar längst vor ihm kapituliert? Oder ist der Kampf gegen den Judenhass nur dann wichtig, wenn er sich für eigene politische Ziele gebrauchen lässt?
Der Islam gehört in vielen Köpfen zum Globalen Süden, der seit jeher vom kolonialistischen Norden, zu dem dann Israel gerechnet wird, unterdrückt werde. Im Denken und Fühlen der Mehrheit von Kulturmultiplikatoren müsse dem Globalen Süden geholfen werden. Sozusagen als Wiedergutmachung.
Wer oder was immer das Wir sei, das sich dieser Tage regt, es hat nicht vor dem Islam kapituliert, es ist dabei, sich selbst und die eigenen zugunsten scheinfortschrittlicher Werte aufzugeben. Letztere stammen aus und führen zu Diktaturen, die sich als Befreiungsbewegungen verkaufen. Dieses Angebot nimmt besonders die akademisierte Welt im Westen gerne an.
Aufschlussreich in Ihrem Buch sind auch Ihre Ausführungen zum linken Antisemitismus. So erinnern Sie unter anderem an einen heutzutage kaum noch präsenten 9. November, nämlich den des Jahres 1969, an dem die linksextremistische Terrorzelle „Tupamaros Westberlin“ einen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin verübte.
Richtig, antijüdischer Terror in West-Deutschland begann mit dem versuchten Bombenanschlag der Tupamaros Westberlin gegen das Zentrum der Jüdischen Gemeinde und deren Vorsitzenden Heinz Galinski. Seitdem – und nicht erst seit der ebenfalls erschreckenden Wiederauferstehung des Rechtsextremismus – werden jüdische und israelische Einrichtungen in Deutschland geschützt.
Interessant ist auch, dass Sie ausdrücklich sagen, dass auf der entgegengesetzten Seite nicht jeder Nationalkonservative ein Antisemit ist. Wo ziehen Sie hier die Grenze?
Ich schaue auf die Akteure antijüdischer Drohungen und Taten, aber natürlich auch auf die gesamte Weltsicht. Die Bindung am Humanum entscheidet. Das Leben des Menschen ist unantastbar. Nur wo und wenn dieser Satz gilt, ist die Welt in Ordnung.
Dem folgt die Analyse. Dem Erkennen folgt das Benennen und das Gewichten.
In Ihrem Buch kritisieren Sie, dass nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober schon bald vielfach die Meinungen umschlugen – und nun vermehrt Israel für seine Gegenschläge kritisiert wird. Andererseits lassen Sie durch ihre Formulierung von dem „wahrlich nicht weisen und oft unerträglich aggressiven Siedlungs- und Besatzungsaktivismus“ deutlich erkennen, dass auch Sie nicht mit allem, was die israelische Regierung gerade veranlasst, einverstanden sind. Wie sieht eine legitime, nicht-antisemitische Kritik an der israelischen Politik aus?
O Gott, schon wieder diese Frage. Alle Antworten sind längst gegeben, nur nicht von jedem. Dabei ist die Antwort ganz einfach. Wer die Existenz des jüdischen Staates bekämpft, ist Antisemit, weil Juden nur in Israel sicher vor innenpolitischer Verfolgung als Minderheit und nicht abhängig von der Gnade der jeweiligen Mehrheit sind.
Auch wenn der Nahostkonflikt nicht im Zentrum Ihres Buches steht, spielt er doch als Kulisse für immer neuen Antisemitismus eine wichtige Rolle – halten Sie ihn überhaupt noch für lösbar? Wenn ja, wie?
Es gibt nicht nur einen blutigen Konflikt in Nahost. Also nicht nur den arabisch-palästinensisch-israelischen, sondern innerarabische, innerpalästinensische, innerislamische.
Die Zauberformel heißt: „Frieden durch Föderalismus“. In meinem Buch „Zum Weltfrieden“ habe ich das dargestellt. Stichwortartig auch in „Wem gehört das Heilige Land?“
Wie kann man Antisemitismus jenseits von letztlich nutzlosen Demos tatsächlich wirksam vermeiden? Obwohl Sie in Ihrem Buch an verschiedenen Stellen daran erinnern, dass jüdisches Leben seit 3000 Jahren immer eine Existenz auf Widerruf war, entwerfen Sie ja am Schluss ein paar Gedanken dazu, wie sich Judenhass wenn schon nicht vermeiden, so doch wenigstens reduzieren ließe.
Hass auf wen oder was auch immer fängt in Hirn und Herz an. Wer beide miteinander verbindet – denen habe ich dieses Buch gewidmet – erkennt ganz einfach: Wenn es meinem Land gut geht, geht es auch den Juden gut. Weil eben der Einsatz von Juden für das jeweilige Land alles andere als ungut ist, sondern eben bestens bekommt. Umgekehrt auch den Juden.
Die Geschichte lehrt: Wer Juden vertreibt oder gar umbringt, handelt nicht nur unmenschlich, sondern dumm, weil sie wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell jedem Land guttun. Abgesehen davon werfen sie keine Bomben und verüben keinen Anschlag. Gegen niemanden.
Das Interview führte René Nehring.
Prof. Dr. Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist. Von 1981 bis 2012 lehrte er Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Zu seinen Werken gehören unter anderem „Eine andere Jüdische Weltgeschichte“ (Herder Verlag 2022) und „Ewige Schuld? 75 Jahre deutsch-jüdisch-israelische Beziehungen“ (Verlag Langen Müller 2023). Soeben erschien „Nie wieder? Schon wieder! Alter und neuer Antisemitismus“ (Verlag Herder 2024). www.wolffsohn.de
Debatte Michael Wolffsohn Nie wieder? Schon wieder! Alter und neuer Antisemitismus Herder 2024, gebunden, 96 Seiten ISBN: 978-3-451-07239-0 12 Euro


