Neben Ludwig Feuerbachs Abhandlung „Das Wesen des Christentums“ hat im 19. Jahrhundert keine theologische Schrift für so viel Aufregung gesorgt wie „Das Leben Jesu“. Die Mitte der 1830er Jahre erschienene 1400 Seiten starke Monsterbiographie über den Gottessohn aus der Feder des erst 27-jährigen Schwaben David Friedrich Strauß räumte mit den gängigen neutestamentlichen Evangelienmythen wie Wunderheilungen auf und betrachtete aus linkshegelianischer Sicht den historischen Jesus ganz rational als eine „Idee der Menschheit“.
Diese fundamentale Religionskritik des evangelischen Theologen löste unter den Traditionalisten und konservativen Althegelianern ein Beben an Entrüstung aus, weil sie darin im Sog der Restauration einen Angriff auf die gottgewollte Ordnung sahen. Trotz zahlreicher Verteidigungsschriften von progressiven Junghegelianern bedeutete das Buch für den 1808 in Ludwigsburg geborenen Strauß das Ende seiner theologischen Laufbahn an der Tübinger Universität. Fortan schlug er sich als Privatgelehrter durch. Retrospektiv schrieb er 1860 in einem Buch über Ulrich von Hutten: „Ich könnte meinem Buch (,Das Leben Jesu‘) grollen, denn es hat mir viel Böses getan.“
Als er in Zürich erneut als Professor der Dogmatik und Kirchengeschichte Fuß fassen wollte, löste seine Berufung an die dortige Universität wegen seines Jesus-Buchs derart starke Proteste aus, dass er mit einer für die damaligen Verhältnisse üppigen Abfindung von 1000 Franken von seinem Posten noch vor Amtsantritt losgekauft wurde. Dieser teure „Straußenhandel“ war mit ein Grund für den „Züriputsch“ vom 6. September 1839, mit dem die liberale Regierung des Kantons Zürich gestürzt wurde.
Und was macht ein ambitionierter Theologe, wenn ihm der Weg in die Wissenschaft verbaut wird? Na, klar, er geht in die Politik. Nachdem er erst noch mit „Die christliche Glaubenslehre“ ein weiteres zweibändiges Hauptwerk vorgelegt hatte, mit dem er seine Abkehr vom Christentum dokumentierte, und mit „Der Romantiker auf dem Thron der Cäsaren, oder Julian der Abtrünnige“ die Restauration unter dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. angriff, wollte er im Zuge der Märzrevolution in die Frankfurter Nationalversammlung einziehen. Das misslang zwar, aber als Abgeordneter der Stadt Ludwigsburg wurde er zumindest in den württembergischen Landtag gewählt.
Wider Erwarten gab sich Strauß in seinen später auch veröffentlichten „Sechs theologisch-politischen Volksreden“ als konservativer Politiker zu erkennen, der statt einer „Herrschaft von Pöbel und Masse“ eine „Herrschaft der Gebildeten“ anstrebte. Diese Bildungsphilisterei griff später sogar Friedrich Nietzsche in seinen „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ an. Dabei war der Philosoph mit seiner „Gott ist tot“-Theorie eigentlich ein Bruder im Geiste von Strauß.
Nachdem Strauß am 8. Februar 1874 in Ludwigsburg gestorben war, schrieb der sozialdemokratische Publizist Franz Mehring über die Wirkung von „Das Leben Jesu“: „Es war sozusagen der erste Kanonenschuss, der auf ein Heer abgefeuert wurde, das nur mit feudalen Speeren und Spießen kämpfen konnte.“


