17.04.2026

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Folge 05-24 vom 02. Februar 2024 / Erhart Kästner / Meister der „Verdrängung“ / Vor einem halben Jahrhundert starb der Schriftsteller, Sekretär Gerhart Hauptmanns und Leiter der Herzog-August-Bibliothek

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-24 vom 02. Februar 2024

Erhart Kästner
Meister der „Verdrängung“
Vor einem halben Jahrhundert starb der Schriftsteller, Sekretär Gerhart Hauptmanns und Leiter der Herzog-August-Bibliothek
Martin Stolzenau

Vor zwölf Jahrzehnten, am 13. März 1904, wurde der schriftstellernde Bibliothekar Erhart Kästner im fränkischen Schweinfurt  geboren. Sein Vater war Gymnasialprofessor und richtete das Interesse seines Sohnes schon früh auf Literatur und Geschichte. Seine Jugend verbrachte Kästner in Augsburg. Dort besuchte er das Gymnasium St. Anna. Nach dem Schulabschluss machte der Jüngling zunächst eine Buchhändlerlehre, ehe er nacheinander in Freiburg im Breisgau, Kiel und Leipzig studierte. Im Mittelpunkt seiner Studien standen Germanistik, Geschichte und Philosophie. 1927 promovierte Kästner über „Wahn und Wirklichkeit im Drama der Goethezeit“. 

Anschließend wurde der junge Dr. phil. von der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden übernommen. Er erlebte dort die „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten, hatte mit ihnen anfänglich Berührungsprobleme und wechselte 1936 in den Dienst von Gerhart Hauptmann. Kästner arbeitete bei dem Dramatiker in der Nachfolge von Elisabeth Jungmann als Sekretär und griff im zunehmenden Maße selbst zur Feder. Er teilte offenbar längere Zeit Hauptmanns innere Emigration. 

Griechenland-Texte für die Truppe

Aus dieser Zurückgezogenheit wurde er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gerissen. Kästner wurde Soldat, trat nun in die NSDAP ein und erreichte über dieses Zugeständnis eine Freistellung, um Schriften „für die kämpfende Truppe“ zu verfassen. So kam er nach Griechenland und war von der geschichtsträchtigen Landschaft begeistert. Kästner verfasste Reiseberichte und schuf eine „neuhumanistische Bildungsliteratur“, die Krieg und Besatzung weitgehend ausklammerte. Das trug ihm nach dem Zweiten Weltkrieg, den er überlebte, Kritik ein.

Auf Rhodos und in Nordafrika war er in britischer Kriegsgefangenschaft. Im ägyptischen Kriegsgefangenenlager Fayid  verarbeitete er die neuen Erfahrungen in einem Roman, der unter dem Titel „Zeltbuch von Tulimad“ 1949 erschien. Das Buch erregte Aufsehen und wurde oft mit Hans Carossas „Rumänischem Tagebuch“ verglichen. 

Das war sein Einstieg als freischaffender Schriftsteller. Kästner fühlte sich der bürgerlich-humanistischen Erzähltradition verpflichtet, verstand sich vor allem als „Bewahrer und Mahner“ und praktizierte in der Folge eine ganz spezielle „Zeit- und Geschichtslosigkeit“. Im Schatten von Heinrich Böll, Rolf Hochhuth und Martin Walser setzte er eigene humanistische Akzente. 

Ausbau der HAB ab 1950

Der damit verbundene schriftstellerische Lorbeer zu Beginn der Bundesrepublik trug ihm 1950 die Berufung nach Wolfenbüttel ein. Kästner entsprach dem Anforderungsprofil und wurde Chefbibliothekar der dortigen Herzog-August-Bibliothek (HAB). Er baute sie aus zu einer „Bibliotheca illustris“, die den modernen Anforderungen entsprach, und schrieb nebenbei weitere Prosawerke. Seine „stilistisch geschliffenen und kunstvoll komponierten“ Arbeiten entsprachen dem verbreiteten gesellschaftlichen Wunsch nach „Verdrängung“. Kästner war erfolgreich, bekam Literaturpreise und wurde in die Akademie der Künste Berlin wie die Bayerische Akademie der Schönen Künste aufgenommen. Im Jahre 1954 heiratete er die Restauratorin Anita Vogel. 

Nach seiner Pensionierung 1968 wechselte der schriftstellernde Bibliothekar nach Staufen im Breisgau. Dort starb er vor einem halben Jahrhundert, am 3. Februar 1974. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem örtlichen Friedhof. 

Kästner hinterließ einen umfangreichen Nachlass. Dazu gehörten 17.000 Manuskript-Blätter und 6000 Briefe. Der Nachlass gehört inzwischen zum Bestand seiner ehemaligen Wirkungsstätte, der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Seine Briefwechsel mit Martin Heidegger und Gerhart Hauptmann wurden zwischen 1986 und 2004 herausgegeben.