Seit Mai 2015 versucht die Weltgesundheitsorganisation (WHO), sich auf zukünftige Pandemien vorzubereiten, welche aus dem Auftreten eines bislang unbekannten und gefährlichen Erregers hervorgehen. Dabei beschloss sie im Februar 2018, die durch diesen hypothetischen Keim bewirkte Infektion als „Krankheit X“ zu bezeichnen. Hierfür gab es Beifall und Kritik. Kritiker bemängelten, dass das ominöse „X“ Ängste erzeuge und im Übrigen auch gar nicht verwendet werden müsse, weil man die potentiellen Verursacher der nächsten Pandemien durchaus schon kenne.
Das seien vor allem die MERS- und SARS-Coronaviren sowie die Auslöser der oftmals tödlich verlaufenden hämorrhagischen Fieber vom Typ Ebola, Marburg, Lassa, Nipah, Zika, Krim-Kongo, Ilesha, Garisa, Rift Valley, Hanta, Dengue und Chikungunya. Hinzu kämen typische bakterielle Erkrankungen, welche aufgrund der vermehrten Antibiotika-Resistenzen künftig deutlich fatalere Verläufe nehmen könnten. Ganz im Gegensatz zu diesen Kritikern warnten andere Stimmen vor zu viel arroganter Selbstgewissheit: Es bestehe durchaus die Möglichkeit, dass die „Krankheit X“ etwas vollkommen Neues darstelle und die Welt überrasche, weswegen man maximale Vorsicht an den Tag legen sollte.
Rätseln um die „Krankheit X“
Auf jeden Fall veranlasste die WHO etliche Institutionen, über Maßnahmen anlässlich des Auftretens der „Krankheit X“ beziehungsweise des „Pathogens X“ nachzudenken. Hierzu zählten die 2017 vom Weltwirtschaftsforum (WEF) und der Bill & Melinda Gates Stiftung ins Leben gerufene Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI), die internationale Organisation Global Alliance for Preventing Pandemics (GAPP) und das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung GmbH (HZI) in Braunschweig, welches – wie auch die CEPI – Fördermittel von der Gates-Stiftung erhielt.
Im Oktober 2019 veranstaltete das Health Emergencies Program der WHO zudem selbst einen „Disease X Dummy Run“, also die Simulation einer globalen Pandemie aufgrund der „Krankheit X“ mit 150 Mitwirkenden aus aller Welt.
Wenig später erschütterte COVID-19 die Weltöffentlichkeit. Sofort hieß es, dies sei nun die erste „Krankheit X“. Dabei kennt man tierische Coronaviren schon seit 1931. Des Weiteren legte die schottische Virologin June Almeida schon im Jahre 1966 elektronenmikroskopische Aufnahmen zweier den Menschen befallenden Coronaviren vor.
Die WHO reagierte im Juli 2021 auf die von ihr ausgerufene COVID-19-Pandemie mit der Gründung einer eigenen Wissenschaftlichen Beratergruppe für Ursprünge der neuartigen Krankheitserreger, welche sich zunächst mit der Herkunft von SARS-CoV-2 befasste, dann aber auch andere Viren in den Fokus nahm.
Seither ist die „Krankheit X“ ein Dauerthema. So schrieb die renommierte Fachzeitschrift „Science“ im Oktober 2021: „COVID-19 dürfte nicht die letzte Krankheit X sein“, denn „das Risiko zukünftiger Ausbrüche wird durch mehrere Faktoren verstärkt, nämlich den Klimawandel, Veränderungen der Ökosysteme und die zunehmende Urbanisierung“. Diese hätten beispielsweise immer mehr Infektionskrankheiten, welche vom Tier auf den Menschen überspringen, zur Folge.
Wichtige Anlässe, bei denen der Ausbruch einer neuen „Krankheit X“ beschworen wurde, waren das Forum der Weltgesundheitsversammlung in Genf im Mai 2023 und das 54. Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos im Januar dieses Jahres. Dabei warb WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus in beiden Fällen zunächst für den im Mai zur Unterzeichnung anstehenden, aber noch sehr umstrittenen Internationalen Vertrag zur Pandemieprävention und -vorsorge, welcher der WHO nie dagewesene politische Durchgriffsrechte zulasten der Mitgliedstaaten einräumen soll, bevor er auf dramatische Weise vor der „Krankheit X“ warnte.
Heikles „Gain of Function“
So meinte Tedros in Genf: „Die Welt sollte sich auf eine Krankheit einstellen, die noch tödlicher ist als COVID-19“. Worauf diese Prognose beruhte, sagte der Äthiopier allerdings nicht. Dennoch gaben die 194 UN-Mitgliedstaaten grünes Licht für die Etablierung des International Pathogen Surveillance Network (IPSN), dessen Aufgabe in der „genomischen Überwachung von Krankheitserregern … wie Viren, Bakterien, Pilzen und Parasiten“ besteht. Beim WEF-Treffen in Davos wiederum sprach Tedros während der öffentlichen Sitzung einer Expertenrunde zum Thema „Vorbereitung auf Krankheit X“. Hier äußerte er, man brauche jetzt überhaupt nicht mehr darüber zu diskutieren, ob diese erneut zuschlage, weil letztlich nur noch der Zeitpunkt des Ereignisses offen sei. Anschließend wies der WHO-Chef den Vorwurf der Panikmache zurück: „Wir sollten den Dingen nicht unvorbereitet gegenüberstehen“, auch wenn momentan niemand genau zu sagen vermöge, was alles passieren könne.
Nach Tedros kam in Davos dann Kate Kelland, die „Wissenschaftliche Chefautorin“ der CEPI zu Wort. Sie behauptete, es gebe aktuell etwa „250 bis 300 virale Bedrohungen“ der Menschheit, und forderte eine akribische „Detektivarbeit, … um etwas zu produzieren, das auf ein neuartiges Virus abzielt, bevor dieses überhaupt auftritt“, denn das sei die unverzichtbare Grundlage für den Aufbau der „Globalen Impfstoffbibliothek“.
Mit anderen Worten: Kelly plädiert für die Fortsetzung der umstrittenen, weil hochriskanten „Gain of Function“-Forschung, bei der natürlich vorkommende Viren im Labor gefährlicher gemacht werden, wobei der medizinische Sinn des Ganzen darin besteht, wirksame Vakzine gegen diese potentiellen „Killer-Viren“ zu entwickeln, bevor sie auch in freier Wildbahn aufgrund von spontanen Mutationen auftreten.
Dabei ignoriert sie allerdings, dass die „Krankheit X“ namens COVID-19 möglicherweise überhaupt erst infolge solcher Laborexperimente entstand, so wie auch der Auslöser der nächsten Pandemie bereits im Reagenzglas gewissenloser oder zumindest leichtsinniger Forscher schlummern könnte.


