Die Nachricht, dass es chinesischen Forschern gelungen sei, ein Coronavirus zu züchten, das alle infizierten Versuchstiere getötet habe, elektrisierte die Weltöffentlichkeit und sorgte vielfach sogar für Panik. Droht nun der Ausbruch einer noch viel schlimmeren Krankheit als COVID-19? Und könnte der neue Erreger vielleicht sogar als Biowaffe dienen?
Für Letzteres gibt es nur ein sehr schwaches Indiz in dem Fachartikel über die Arbeit der zehn chinesischen Wissenschaftler. Der Beitrag erschien am 4. Januar auf der Plattform „BioRxiv“, die Vorab-Versionen von Aufsätzen veröffentlicht, die später in Fachzeitschriften abgedruckt werden sollen. Der Text trägt den Titel „Tödliche Infektionen bei humanisierten ACE2-transgenen Mäusen durch SARS-CoV-2-verwandtes Pangolin-Coronavirus GX_P2V(short_3UTR)“. Er stammt von einem Team um Professor Wei Lai vom Beijing Tsinghua Changgung Hospital, dem laut Autorenverzeichnis auch Chen Weiwei und Luo Shengdong vom General Hospital der Volksbefreiungsarmee in Peking angehörten.
In dem Artikel ist nachzulesen, wie die chinesischen Experten ein verändertes Coronavirus vom Typ CoV GX/2017, welches schon vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie bei Malaiischen Schuppentieren (Pangolinen) gefunden wurde, benutzten, um die Lungen, Knochen, Augen, Luftröhren und Gehirne von Mäusen zu infizieren, woraufhin diese allesamt binnen acht Tagen starben. Und da es sich bei den Versuchstieren um speziell gezüchtete Mäuse handelte, die ähnliche Rezeptoren für Coronaviren wie der Mensch aufwiesen, mutmaßten Lai und dessen Kollegen dann auch, „dass das Risiko besteht, dass der neue Erreger auf den Menschen übergreift“.
Die Arbeit der Chinesen rief sofort vielfältige Kritik hervor. So meinte der Epidemiologe François Balloux vom University College London, die Forschungsarbeit der Chinesen sei „schrecklich“, „wissenschaftlich völlig sinnlos“ und berge die Gefahr einer neuen, und diesmal tödlichen Pandemie. Das Ganze verknüpfte er mit Warnungen vor der Gain-of-function-Forschung, deren Zweck darin besteht, natürlich vorkommende Viren gefährlicher zu machen (siehe oben). Aussagen wie diese verbreiteten sich natürlich in Windeseile. Tatsächlich jedoch liegt in diesem Fall eine Fehlinterpretation des chinesischen Aufsatzes vor.
Bei dem aus dem ursprünglichen Pangolin-Coronavirus hervorgegangenen „gehirnfressenden“ Erreger handelt es sich um eine spontane Mutation des Virus und keine gezielte Züchtung der chinesischen Wissenschaftler. Allerdings tötete das Virus die Mäuse tatsächlich, wobei aber aufgrund verschiedener biologischer Gegebenheiten weitestgehend ausgeschlossen ist, dass es dem Menschen gleichermaßen gefährlich werden kann.
Dies wusste Shi Zhengli, die mittlerweile weltbekannte Leiterin der Corona-Forschung am Wuhan Institute of Virology, welche mit dem immer noch mysteriösen Auftreten des SARS-CoV-2-Erregers in Verbindung gebracht wird, bereits im Jahr 2020. Als Beleg hierfür können damalige Artikel von Shi dienen. W.K.


