25.01.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Folge 06-24 vom 09. Februar 2024 / Analyse / Lateinamerika erstickt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 06-24 vom 09. Februar 2024

Analyse
Lateinamerika erstickt
Bodo Bost

Die ganz Welt schaute jüngst nach Ecuador, wo es der organisierten Kriminalität gelang, den staatlichen Fernsehsender zu besetzen und sich als neue Möchtegern-Herrscher des Landes in Szene zu setzen. Seit den Zeiten Pablo Escobars in Kolumbien ist kein Land Lateinamerikas so sehr von der organisierten Kriminalität herausgefordert worden wie derzeit Ecuador. Nach dem Tode Escobars 1993 wechselte die Zentrale der Drogenkartelle, die die Kriminalität steuern, von Kolumbien nach Mexiko. Deshalb sind es vor allem mexikanische Mafiaclans in Allianz mit knapp zwei Dutzend lokalen Banden, die derzeit Ecuador und seinen jungen Präsidenten Daniel Noboa in Atem halten.

Wie einst unter Escobars Herrschaft in Kolumbien werden derzeit in Ecuador Präsidentschaftskandidaten erschossen, Fernsehsender besetzt, Gefängnisse übernommen und die Zivilbevölkerung terrorisiert und erpresst. Heute sind die Gewaltsyndikate jedoch besser international vernetzt und noch kaltblütiger. 

In den vergangenen zwei Jahren sind immer mehr Länder Lateinamerikas in die Fänge der Kartelle geraten. Die Region ist inzwischen die gewalttätigste der Welt. Die Zahl der Tötungsdelikte pro Hunderttausend ist fünfmal höher als in Nordamerika und zehnmal höher als in Asien. Allein in Mexiko sterben jedes Jahr 150.000 Menschen eines gewaltsamen Todes, das sind weitaus mehr als im Bürgerkrieg in Syrien.

Nur El Salvador steuert gegen

Längst hat die organisierte Kriminalität auch Länder wie Chile und Costa Rica erfasst, die lange immun schienen. Costa Rica galt einst als die Schweiz Amerikas, es verzichtete auf eine Armee und hat dies längst bereut. Die Regierungen stehen meist hilf- und ideenlos dem Vordringen der Mafia entgegen. Das organisierte Verbrechen bremst das Wirtschaftswachstum und befeuert stattdessen die Migration. Aber auch daran verdient die Mafia. Ecuador gilt wegen seiner liberalen Visapraxis schon seit einigen Jahren als Einfallstor der weltweiten Migration Richtung USA.

Hier hat der Staat das Gewaltmonopol verloren, Sicherheitskräfte und lokale Regierungen werden von der Mafia korrumpiert, die Mafia sickert in immer mehr legale Wirtschaftszweige ein. Die geographische Lage Ecuadors zwischen Kolumbien und Peru, den beiden größten Produzenten von Kokablättern, führt zu einem toxischen Cocktail. Mexiko hat heute als Zentrum der Rauschgiftkartelle und als Knotenpunkt, in dem fast alle Fäden des internationalen Drogenhandels zusammenlaufen, die Rolle Kolumbiens übernommen. Auch in Mexiko büßt der Staat mehr und mehr an Hoheit ein. Das „Jalisco“- und das „Sinaloa-Kartell“ des früheren Capos „El Chapo“ Guzmán diversifizieren ihr Geschäft, seit Kurzem steuern sie  auch den Menschenhandel Richtung USA. In manchen mexikanischen Bundesstaaten herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Mexiko ist als Nachbar der USA ein mächtiger Global Player in der Weltwirtschaft, ein ökonomisch erfolgreiches Schwellenland und ein von der Mafia gekaperter Staat.

Kolumbien konnte 2016 mit der Linksguerilla FARC ein Friedensabkommen unterzeichnen. 2022 schaffte es ein ehemaliger Guerillero, Gustavo Petro,  Präsident zu werden. Er hat die Staatsautorität abgebaut und dadurch neue kriminelle Gewalt erzeugt. Das territoriale Vakuum, das die Rebellen hinterließen, haben vor allem Drogenbanden gefüllt. In Chile, einst neben Uruguay das europäischste Land des Subkontinents, hat vor zwei Jahren auch ein Linker die Wahl gewonnen. Dort hat eine halbe Million venezolanischer Immi­granten die Unterwelt gekapert und steuert von hier aus in ganz Südamerika den Menschenhandel. Die junge unerfahrene linke Regierung um Staatschef Gabriel Boric wirkt wie überrollt von der ausufernden Gewalt.

Nur in einem Land, El Salvador, ist die organisierte Gewalt zurückgegangen. Dort sorgt seit 2019 der aus Bethlehem stammende christliche Palästinenser Nayib Bukele mit eiserner Härte und Megagefängnissen für eine lange unbekannte Sicherheit. 75.000 Bandenmitglieder wurden in Gefängnisse geworfen, 220 kamen dabei ums Leben. Die Bevölkerung hat es Bukele jetzt mit Wiederwahl gedankt, die eigentlich von der Verfassung verboten war. In El Salvador, wie zunehmend in der gesamten Region, sind viele Menschen der Meinung, dass der Verzicht auf Bürgerrechte und Demokratie ein lohnender Preis für ein Leben in Sicherheit ist.