Über eine Zeit der Brüche
Lutz Rathenow hat mit seinem Buch „Trotzig lächeln und das Weltall streicheln“ zu seinem 70. ein vorläufiges Resümee gezogen – nicht widerspruchsfrei, sondern so kaleidoskopisch und spannungsvoll, wie die Realität ist: Von den Kämpfen gegen die gedankenbetreute Käfighaltung in der DDR bis zur unparadiesischen Nachwende-BRD, von der vogelfreien Existenz als armer Poet zum zeitweiligen Staatsamt von 2011 bis 2021 als Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.
In seinem Querschnitt-Buch hat er Auszüge aus längeren Werken, Kurzprosa, Kurzessays und Notate gesammelt, die meist in Berlin spielen, aber auch Dresden, Königsberg und Montevideo berühren, jedoch ganz konventionell mit der eigenen Kindheit beginnen. Aber schon der erste Text, „Der Hampelmann“, erzählt ebenso selbstkritisch wie verstörend, wie der Bruder auf Angst und Unterwerfung der Schwester seine kleinen Triumphe aufbaut. Es folgen Geschichten, die von Familienkonflikten, Scheidung, den Miniaturaufständen der Jugend handeln oder die thematisieren, wie die Teilung und die ökonomische Überlegenheit des kapitalistischen Halbstaats einwirken ins tägliche Ost-Leben mit Außentoiletten auf der halben Treppe und den allgegenwärtigen Versorgungskrisen.
Aber auch surrealistische Parabeln wie die von einem flippernden Riesen biegen durchaus einmal ab in die hohe Politik: „Der Herrscher“ entwirft auf einer halben Buchseite ein phantastisches Bild eines absolutistischen Herrschers aus dem realsozialistischen Panoptikum. „Mitten im Jahr“ verhöhnt die Staatspresse als mysteriöses Mittel zum Unsichtbar-Werden. Bezug nimmt Rathenow auf Vieles: Sisyphos, „Spiegel“-Märchen, der Wolf und die Geißlein, aber auch Dichter wie Daniil Charms, den er „meinen russischen Lieblingsautor“ nennt.
Vor allem kommen immer wieder Realitäten zur Sprache, etwa die Dauerüberwachung von Lilo, der Frau des inhaftierten Schriftstellers Jürgen Fuchs, durch die Stasi 1977. Die Welt der Leipziger Dissidenten wird an ihrer ersten Kommune exemplifiziert und kontrastiert mit den Giftschrankbereichen der Uni-Bibliothek. Die regierenden Spießbürger sind präsent durch Minister, die bei den Aufmärschen vor allem nach einem Bockwurststand Ausschau halten. Gegen ihresgleichen hilft oft nur Ironie weiter. Andererseits meinte das DDR-Regime es blutig ernst – etwa mit der Haft des Autors im Dezember 1980 im Stasi-Knast Berlin-Schönhausen, die sich in einem literarischen Journal niederschlägt mit dem Fazit: „Das Schlimmste liegt immer in der Zukunft.“ Ihn beschäftigte stets, was aus der DDR wird. Er sympathisierte mit der Lösung der deutschen Frage, aber anders als etwa Wolfgang Venohr („Die deutsche Einheit kommt bestimmt“) glaubte er noch 1986, sie herzustellen sei töricht. Entstanden ist so ein unbedingt lohnendes Buch über eine Zeit der Brüche, Umwälzungen und Überraschungen. Rolf Stolz
Lutz Rathenow: „Trotzig lächeln und das Weltall streicheln. Mein Leben in Geschichten“, herausgegeben von Marko Martin, kanon verlag, Berlin 2022, gebunden, 271 Seiten, 24 Euro

