25.01.2026

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Folge 07-24 vom 16. Februar 2024 / Josef Stingl / Die „Bundesunke“ der sozialliberalen Ära / Der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit von 1968 bis 1984 war auch Vertriebenenpolitiker

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-24 vom 16. Februar 2024

Josef Stingl
Die „Bundesunke“ der sozialliberalen Ära
Der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit von 1968 bis 1984 war auch Vertriebenenpolitiker
Manuel Ruoff

Zumindest die Älteren unter uns mit Erinnerungen an die Zeit vor der Kohl-Ära werden sich noch an den christlichen Sozialpolitiker Josef Stingl erinnern, der während der Zeit der sozialliberalen Koalition und darüber hinaus an der Spitze der Bundesanstalt für Arbeit stand. Weniger bekannt dürfte sein, dass sich der Unionspolitiker nicht nur in der Sozialpolitik, sondern auch in der Vertriebenenarbeit engagierte.

Der Egerländer wurde am 19. März 1919 in Maria Kulm geboren. Der Sohn eines Bäckermeisters und dessen Ehefrau besuchte das Gymnasium. Anders als bei heutigen Politikern schloss sich jedoch nicht nahtlos ein Studium an. Kaum dass er Abitur gemacht hatte, begann der Zweite Weltkrieg. Als Fahnenjunker eingezogen, brachte er es als Kampfpilot auf über zweihundert Feindflüge und bis zum Oberleutnant. Am Ende des Krieges stand für ihn britische Kriegsgefangenschaft. Ein anschließendes Anknüpfen an die Vorkriegszeit war ihm als Sudentendeutschen verwehrt. 

Nolens volens kam es zu einem Neuanfang im östlichsten nicht sowjetisch beherrschten Teil Deutschlands, in West-Berlin. Dort arbeitete sich der Familienvater vom Bauarbeiter zum Angestellten einer Wohnungsbaugesellschaft hoch. Neben dem Beruf studierte er von 1949 bis 1951 an der Deutschen Hochschule für Politik. Nach dem Studium der Politikwissenschaften wechselte er 1952 an die Industrie- und Handelskammer zu Berlin. Dort arbeitete er im Referat für Sozialpolitik.

Sozialpolitik war der berufliche und politische Lebensschwerpunkt des Handwerkersohns. Dieser Interessensschwerpunkt in Kombination mit seiner Konfession hatte den bekennenden Katholiken sich schon vor dem Weltkrieg in der katholischen Sozialbewegung engagieren lassen und führte ihn nach dem Krieg zum Arbeitnehmerflügel der CDU. Dort machte er politisch Karriere. Ab 1953 saß er im Bundestag und ab 1964 auch im Bundesvorstand der CDU.

1965 erlitt Stingl jedoch eine politische Niederlage. Nach der Bundestagswahl jenes Jahres wurde bei der Bildung des zweiten Erhard-Kabinetts nicht er, sondern der gleichaltrige Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft Deutschlands (CDA), Hans Katzer, mit der Leitung des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung betraut. Drei Jahre später verabschiedete sich Stingl aus dem Bundestag und von der aktiven Politik im engeren Sinne. Die Pensionierung seines 17 Jahre älteren Parteifreundes an der Spitze der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, Anton Sabel, hatte ihm ein Fenster geöffnet.

Als Sabels Nachfolger wechselte Stingl 1968 von der IHK Berlin zu der späteren Bundesanstalt und der heutigen Bundesagentur für Arbeit. Ein Jahr später begann in der Bundesrepublik die sozialliberale Ära. In der wusste Stingl der Öffentlichkeit in der Regel nur von steigenden Arbeitslosenzahlen zu berichten. Das brachte ihm als den Berichterstatter der schlechten Nachrichten und Prognosen den Spitznamen „Bundesunke“ ein. 

1982 kam es zwar zur „Wende“ von der sozialliberalen zur christlich-liberalen Koalition. Aber von der damit einhergehenden Entlastung des Arbeitsmarktes konnte Stingl kaum noch berichten, denn 1984 wurde er 65 Jahre alt und pensioniert. 

Im selben Jahr wurde er mit dem Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft und dem Großkreuz des päpstlichen Gregoriusordens ausgezeichnet. Diese beiden Auszeichnungen verweisen auf Stingls Engagement über das Soziale und die Sozialpolitik hinaus in seiner Kirche, aber auch für die Rechte seiner wie er aus der Heimat vertriebenen Landsleute. 1964 bis 1968 leitete Stingl als Nachfolger von Theodor Oberländer den CDU-Landesverband für die Gebiete östlich von Oder und Neiße und von 1970 bis 1991 die Ackermann-Gemeinde. Anschließend wurde er Ehrenvorsitzender dieses in München sitzenden Diözesanverbandes der katholischen Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland. 

Josef Stingl, der auch dem Sudetendeutschen Rat und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken angehörte, starb an seinem 85. Geburtstag in Leutesdorf, Kreis Neuwied, wohin es ihn durch die 1988 geschlossene Ehe mit der Leiterin des Arbeitsamts der Kreisstadt, Elvira Lougear, verschlagen hatte.