Linksextreme K-Gruppen merkten Ende der 1970er Jahre, dass sich mit dem Thema Umweltschutz wesentlich mehr Menschen mobilisieren lassen als mit Mao-Bibeln und Klassenkampfparolen. Der damalige Strategiewechsel legte für so manche Parteikarriere bei den Grünen die Grundlage.
Bei den Klimaaktivisten der Letzten Generation (LG) und beim deutschen Ableger von Fridays for Future (FFF) zeichnet sich nun ebenfalls ein Strategiewechsel ab. Beide Gruppierungen wollen sich noch stärker in die Politik einmischen. Dieser Wechsel hat das Potential, die Gesellschaft ebenso zu verändern wie die Grünen seit ihrer Gründung im Jahr 1980. Die LG kündigte Ende Januar ein Ende des „Kleber-Kapitels“ und der Straßenblockaden an. Ab März will die Gruppe mit „maximaler Anzahl von Menschen die öffentliche Ordnung stören“. Angekündigt sind landesweit „ungehorsame Versammlungen“ und direkte Konfrontationen mit Politikern. Zu spüren bekommen hat diese neue Vorgehensweise der LG bereits Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP). Er war am 8. Februar zu einem Podiumsgespräch zum Thema Staatsschulden nach Leipzig geladen gewesen. Neun Anhänger der LG störten die Veranstaltung durch Sprechchöre und Zwischenrufe so stark, dass das Podiumsgespräch unterbrochen werden musste.
Zudem kündigte die LG am 7. Februar an, bei den EU-Wahlen im Juni kandidieren zu wollen. „Wir wollen den Widerstand endlich ins Parlament bringen“, so Carla Hinrichs als Sprecherin der Organisation. Aufgrund der geringen Wahlhürde sehen Beobachter durchaus Chancen für die LG zumindest einen Sitz im EU-Parlament zu erringen. Sprecherin Hinrichs kündigte an, „das EU-Parlament in diesem Jahr mal so richtig aufmischen“ zu wollen.
Maoisten wurden „öko“
Wesentlich mehr Zuspruch als die LG mit ihren Straßenblockaden und Farbschmierereien gegen Kunstwerke hat bislang Fridays for Future in der Bevölkerung erhalten. Allerdings war bereits vergangenes Jahr zu beobachten, dass die Vereinigung mit ihren Demonstrationen nicht mehr die Teilnehmerzahlen erreicht wie vor der Corona-Pandemie. Zur nachlassenden Zustimmung für die „Klimademos“ beigetragen hat der massive Anstieg der Energiepreise in den letzten Jahren. Obendrein hatte Greta Thunberg, die Gründungsikone dieser Bewegung, im vergangenen Herbst nach Äußerungen zum Nahostkonflikt wie „Auf besetztem Land gibt es keine Klimagerechtigkeit“ scharfe Kritik auf sich gezogen. Der deutsche Ableger von Fridays for Future ging daraufhin auf Distanz zu Thunberg: „Fridays for Future in Deutschland agiert als eigenständige Organisation und ist schon lange über Greta als Person herausgewachsen.“
Klimakleber „gegen Rechts“
Inzwischen ist zu beobachten, dass sich bundesweit Fridays-Gruppen stark bei der Organisation von Demonstrationen „gegen rechts“ engagieren. Exemplarisch für diesen neuen Kurs steht die Teilnahme von Luisa Neubauer bei einer „Kundgebung gegen Rechts“ am 14. Januar vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Die prominente Vertreterin von Fridays for Future erklärte dabei, Klima-Aktivisten dürften nicht länger nur Klima-Aktivisten sein, sondern müssten „Haltung als Demokraten“ beweisen. Teil des neuen Kurses bei Fridays for Future ist auch die Unterstützung der Beschäftigten im Nahverkehr im Bündnis „Wir fahren zusammen“.
Vor den Hintergrund des Ausbleibens oder Nachlassens der Fähigkeit, die breite Masse der Bevölkerung zu mobilisieren, haben Fridays for Future und auch die LG damit einen Strategiewechsel eingeleitet. Das Vorgehen erinnert an eine Entwicklung im linksextremen Lager zum Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre, als Maoisten, Trotzkisten und andere linke Sektierer erkennen mussten, dass sie keine Massenwirkung haben. Den daraufhin eingeleiteten Strategiewechsel – dieser führte oftmals auf direktem Weg zu den Grünen – hat Ferdinand Krauß in der „Wirtschaftswoche“ einmal treffend als Kaperung der ökologischen Bewegung beschrieben: „Machthungrigen Altlinken wie Jürgen Trittin und Joschka Fischer war der ökologische Gedanke immer fremd. Der Schutz der Natur war ihnen ein Mittel zur emotionalen Mobilisierung bürgerlicher Wähler – kein zentrales Politikziel.“


