19.04.2026

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Folge 08-24 vom 23. Februar 2024 / Kinokritik / Eine schrecklich nette NS-Familie / Eine weitere „Banalität des Bösen“ – Der Film „The Zone of Interest“ über das Familienleben des KZ-Kommandanten Rudolf Höß

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 08-24 vom 23. Februar 2024

Kinokritik
Eine schrecklich nette NS-Familie
Eine weitere „Banalität des Bösen“ – Der Film „The Zone of Interest“ über das Familienleben des KZ-Kommandanten Rudolf Höß
Harald Tews

TV-Seifenopern über Star-Familien wie die Kardashians bescheren den Sendern hohe Einschaltquoten, die nur von „Nazi“-Größen übertroffen werden können. Bevor wir irgendwann einmal „Im Bett mit Adolf“ sein werden, kann das Kinopublikum vom 29. Februar an beim Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß zu Besuch sein. Im Film „The Zone of Interest“, der entfernt an Reality-Shows erinnert, erlebt man nichts anderes mit als den banalen Alltag der Familie Höß, die direkt an den Mauern des Stammlagers von Auschwitz ihr häusliches Glück gefunden hat.

Leben und Tod sind dabei nur durch eine Mauer getrennt. Dieser Kontrast reichte dem britischen Regisseur Jonathan Glazer, um vornehmlich mit deutschen und polnischen Schauspielern einen Spannungsbogen im Film aufzubauen, in dem sonst nichts Tragisches passiert: kein Mord, keine Vergasung – nur pures Familienidyll diesseits der KZ-Mauer.

„The Zone of Interest“ stützt sich lose auf den gleichnamigen Roman des im Mai 2023 gestorbenen britischen Autors Martin Amis, wobei außer dem Titel kaum etwas vom Buch übernommen wurde. Als „Interessengebiet“ bezeichnete die SS das für die örtliche Bevölkerung verbotene Sperrgebiet um die Lager Auschwitz I 

und II. Lediglich polnisches Dienstpersonal, wie es auch im Hause Höß unterwürfig herumwuselt, war geduldet.

Ansonsten wird ein ganz stinknormales Familienleben samt Hund abgebildet: die Eltern mit ihren fünf Kindern beim Ausflug zum Fluss Soła, Höß beim Angeln und Reiten mit den Söhnen, seine Ehefrau Hedwig beim Anprobieren eines Pelzmantels aus dem Lager und bei der Pflege ihres geliebten Gartenreichs, der Besuch ihrer Mutter, Höß feiert Geburtstag und geht mit einer Lagerinsassin fremd ... So belanglos fade und so weltbewegend nichtssagend, möchte man meinen. Wenn eben nicht dauernd Schmerzensschreie aus dem benachbarten Konzentrationslager über die Mauer dringen würden.

Der Film erinnert mit jeder Faser an den von Hannah Arendt anlässlich des Eichmann-Prozesses geprägten Ausdruck von der „Banalität des Bösen“ und an Filme wie Michael Hanekes „Das weiße Band“, in denen sich ein unheimlicher Horror hinter einer Alltagsmaske verbirgt. Und so tritt auch Höß, der den Massenmord von Millionen von Menschen organisiert hat, als friedlich-netter Familienvater auf. Christian Friedel spielt ihn mit fast auf Irokesenschnitt gestutzter Frisur nicht als herumbrüllenden NS-Schergen, sondern als einen ruhigen Vertreter seiner Zunft, der still väterliche Befehle erteilt. Im Lager sieht man ihn nie.

Herrin im Hause Höß ist aber seine von Sandra Hüller gespielte Ehefrau, die nur einmal ihre Wut an einem Dienstmädchen ablädt, als sie erfährt, dass ihr Mann nach Oranienburg abkommandiert werden soll, was die Aufgabe ihres schönen Heims zur Folge hätte. Im Film ragt sie auch deshalb heraus, weil Regisseur Glazer seine Protagonisten improvisieren und wie in einem Big-Brother-Containerhaus vor mehreren installierten Kameras auftreten lässt, was ihr nonchalant gelingt.

Mit ihrer erschreckend natürlichen Art als Höß-Gattin hat die aus dem Film „Toni Erdmann“ bekannte Hüller gerade einen nächsten Höhepunkt ihrer Karriere erreicht. Bei der Oscar-Verleihung am 

11. März könnte sie im Mittelpunkt stehen, ist sie doch als beste Schauspielerin nominiert sowie mit „Anatomie eines Falls“ und eben „The Zone of Interest“ in gleich zwei Produktionen vertreten, die um die Krone als bester Film konkurrieren.

Auch wenn das filmische Kaliber eher begrenzt ist, sollte man sich nicht wundern, wenn Letzterer das Rennen macht, denn „Nazi“-Geschichten verkaufen sich immer gut. Man scheint denen ebenso wenig überdrüssig zu werden wie Seifenopern-Shows im Fernsehen.