Britische und US-amerikanische Blätter wie die „New York Post“ oder die „Daily Mail“ berichteten unlängst über eine Studie im Auftrag der englischen Restaurantkette Prezzo, welche italienische Speisen anbietet. Dieser zufolge leiden viele Angehörige der Generation Z, also junge Erwachsene im Alter von etwa 18 bis 28 Jahren, an einer bislang unbekannten psychischen Störung namens „Speisekarten-Angst“. Das förderte die Online-Befragung von 2000 Probanden im Vereinigten Königreich zutage.
86 Prozent gaben an, beim Blick in die Speisekarte eines Restaurants Unwohlsein zu empfinden. Als Grund wurde unter anderem die Angst genannt, die Zutaten oder Namen von Gerichten nicht zu verstehen. Dazu kommt das Gefühl der Überforderung durch eine zu große Auswahl. Die Reaktion hierauf besteht darin, das zu essen, was man aus den sozialen Netzwerken kennt.
Ein Drittel meinte außerdem, man benötige die Hilfe anderer Personen am Tisch, um eine Bestellung an die Bedienung zu richten. Und fast jeder Zweite geht überhaupt nur dann ins Restaurant, wenn er die Speisekarte vorher im Internet studieren konnte. Dennoch löst die Entscheidung für ein Gericht oftmals Reue aus.
Ähnliche Befunde werden aus den USA gemeldet. Dort sollen drei von zehn Erwachsenen Angst vor der Speisekarte haben, wobei der Anteil der Jüngeren auch hier deutlich höher liegt. Das löst nun Spekulationen unter Fachwissenschaftlern aus, was die tieferen Ursachen dieses Problems seien.
Gabriel Rubin vom College of Humanities and Social Sciences der Montclair State University in New Jersey erklärt die Angst mit dem Verlust wichtiger sozialer Kompetenzen aufgrund der Corona-Maßnahmen, der bei Menschen unter 30 häufiger vorkomme als bei Älteren. Dagegen spricht der Experte für Marketingpsychologie Amit Kumar von einer „ins Gegenteil gewendeten Vorfreude“. Normalerweise empfinde der Mensch positive Abweichungen vom üblichen Tagesablauf als angenehm – das gelte aber offenbar nicht für die Angehörigen der Generation Z.
Andere Theorien verweisen auf die Reizüberflutung durch zu umfangreiche Speisekarten oder auf die Befürchtung, ein Gericht auszuwählen, das sich als zu teuer erweist. Darüber hinaus vermuten die Betreiber des Internetportals für „klimagerechte“ Ernährung Green Queen eine weitere wesentliche Ursache der Menükarten-Angst: Etliche der Befragten hätten gesagt, sie würden sich ernsthafte Gedanken über die „Umweltauswirkungen“ ihrer Essensauswahl machen. Daraus resultiere wohl die Hemmung, einfach das zu bestellen, was das Herz begehrt.
Pragmatischer orientierte Kenner der menschlichen Psyche sehen das Ganze viel weniger kompliziert. Die Speisekarten-Angst sei eine der vielen Ängste von Leuten, die sich letztlich vor allem und jedem fürchten, also nichts Besonderes. Und dann wäre da noch die schlichte Diagnose „Allgemeine Entwicklungsstörung“. Auch in diesem Fall lautet der Ratschlag der Experten, nicht jedes einzelne Defizit der hyperempfindlichen Generation Z wichtig zu nehmen. W.K.


