Die Republik Litauen hat insgesamt 83.000 ukrainische Kriegsflüchtlinge aufgenommen. Das sind wesentlich mehr als die 69.000, die Frankreich aufgenommen hat, das 25 Mal mehr Einwohner hat als die kleine Baltenrepublik. Allein 6500 Ukrainer haben im Memelgebiet eine neue Heimat gefunden. Das sind anderthalb Mal so viele wie im reichen Luxemburg, das vier Mal so viele Einwohner hat wie das Memelgebiet.
Die meisten Kriegsflüchtlinge in Litauen, bis zu 20.000, ließen sich in Wilna nieder. Etwa 10.000 leben in Kaunas. Die Ukrainer in Litauen integrieren sich aktiv in den Arbeitsmarkt. Nach Angaben der staatlichen Statistikagentur sind 98 Prozent der arbeitsfähigen Ukraineflüchtlinge derzeit beschäftigt – insgesamt fast
55.000 Personen. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik sind es lediglich 17 Prozent. Während ukrainische Kriegsflüchtlinge hierzulande nach Angaben von Finanzminister Christian Lindner mit fünf bis sechs Milliarden Euro dem Staat zur Last fallen, ist die Aufnahme von Ukrainern in Litauen ein Gewinn für den Staat geworden, weil die Ukrainer mehr Steuern zahlen, als sie den Staat kosten.
Integration in den Arbeitsmarkt
Anders als in Deutschland, wo die
Ukrainer unbefristet Bürgergeld beziehen, das sie von einer Arbeitsaufnahme abhält, hat Litauen nur zeitlich befristete Integrationshilfen geleistet. So sind die Entschädigungen für die Unterbringung von Ukrainern im Dezember 2023 ausgelaufen. Das Ziel Litauens bestand von Anfang an darin, die Autonomie der Flüchtlinge zu fördern Sie erhalten also Hilfe zur Selbsthilfe. Das Zentrum für ukrainische Hilfe in Memel liegt in der Hinteren Wallstraße [Galinio Pylimo gatve 16] in der Altstadt.
Die Stadt Memel, in der 20 Prozent der Bevölkerung russischsprachig sind, verfügt über ein gut ausgebautes russisches Schulangebot. Das ist einer der Hauptgründe, weshalb die Stadt zum zweiten Zentrum der Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge geworden ist. Die einheimische russischsprachige Bevölkerung Litauens beträgt in etwa 150.000, das Gros lebt im Osten des Landes, in den Grenzregionen zu Weißrussland und zur Republik Polen. Eigentlich wollte Litauen auf nationaler Ebene, wie Estland und Lettland, eine Politik des langsamen Abbaus der russischsprachigen Schulen in Angriff nehmen. Durch die Ankunft von 85.000 meist russischsprachigen Flüchtlingen, etwa noch einmal die Hälfte der bereits im Lande lebenden Russischsprachigen, wird sich dieser Abbau zumindest verzögern. Memels Bürgermeister Arvydas Vaitkus, der selbst in Russland studiert und in der von Russland zu Kriegsbeginn eroberten ukrainischen Stadt Mariupol gearbeitet hatte, sagt, dass die Gemeinden die auf nationaler Ebene gefassten Beschlüsse zum Abbau russischer Schulen umsetzen müssen.
Der Abbau russischer Schulen war geplant
Er schlägt jedoch vor, das System russischer Schulen nicht zu zerstören. Wörtlich sagte er: „Was machen wir mit den ukrainischen Kindern, die in diese Schulen gehen?“ Weiter sagte er: „Memel ist eine multikulturelle Stadt, und diese Schulen gibt es nicht erst seit gestern, sondern schon seit vielen Jahren.“
In Litauen wird an fast 100 Schulen in neun Gemeinden in der Sprache der nationalen Minderheiten, zumeist Russisch, unterrichtet. Nach Angaben der Nationalen Agentur für Bildung wurden im Schuljahr 2020–2021 mehr als 47.000 Kinder in Bildungseinrichtungen für nationale Minderheiten, vom Kindergarten bis zur Schule, unterrichtet. Im gleichen Zeitraum wurden etwa 14 000 Schüler in allgemeinbildenden Schulen auf Russisch unterrichtet, hauptsächlich in Wilna und Memel. Nach Angaben der Stadtverwaltung von Wilna gibt es derzeit 14 russischsprachige Bildungseinrichtungen in der Hauptstadt. Seit 2008 ist die Zahl der Kinder, die Russisch lernen, von 9500 auf 11.500 gestiegen. Viele Politiker in Litauen fragen sich jedoch, ob diejenigen, die vor den Regimen in Russland und Weißrussland geflohen sind, und in das russischsprachige Umfeld in Litauen gebracht werden, im Interesse ihrer Kinder als auch Litauens handeln, wenn sie weiter Russisch sprechen.

