Diese Geschichte ereignet sich im Spätsommer 1934 irgendwo in Ostpreußen in einem kleinen zwischen Hügeln gelegenen und von Feldern umgebenen Dorf. In der Mitte des Ortes steht die evangelische Dorfkirche, hinter welcher sich der Friedhof befindet. Durch ein kleines Tor gelangt man vom Friedhof zum Pfarrhaus. Unweit gelegen ist der Dorfkrug, wo sich abends die Männer zu Bier und Schnaps einfinden. Die meisten arbeiten auf dem zwei Kilometer entfernten Gutshof.
Am Ortsausgang wohnt der 60-jährige Ortsvorsteher, der im Großen Krieg in der Schlacht von Tannenberg seinen linken Arm für Kaiser und Vaterland verlor. In der Weimarer Republik wurde der alte Hindenburg, der Retter Ostpreußens, zum Reichspräsidenten gewählt. Nach dem Tod des „Alten vom Preußenwald“ ließ sich der Reichskanzler Hitler in einer Volksabstimmung zum Reichspräsidenten bestätigen. Über 38 Millionen begeisterte Deutsche, darunter auch der Ortsvorsteher, haben ihm ihre Stimme gegeben. Nur ein kleiner Teil der Deutschen, die Hitler nicht gewählt haben, macht sich seine Gedanken, wie es mit Deutschland weitergehen wird. Öffentlich traut man sich schon seit einiger Zeit nichts mehr zu sagen; denn diejenigen, die schlecht über den Führer reden, werden von Denunzianten bei den Behörden gemeldet und verschwinden dann für einige Zeit oder sogar noch länger.
Der Ortspfarrer, ein Mensch vom alten Schlag, sieht in diesem Menschen den Satan persönlich, welcher die Menschen verderben und in den Untergang führen wird. Manchmal führt der Pfarrer Zwiegespräche mit dem Herrgott, denn mit Sorge bemerkt er in den letzten Monaten, dass sich einige der Dorfbewohner im Wesen geändert und eine Ortsgruppe dieser Partei gegründet haben. Deutschland soll mit reinrassigen Ariern wieder zu einer Weltmacht werden, zu der mit Ehrfurcht aufgeschaut wird. Um die an mancher Misere im Land vermeintlich schuldigen Oppositionellen und Juden werden sich Hitlers „Jagdhunde“ kümmern. Schon vor Hindenburgs Tod haben einige Bekannte des Pfarrers Deutschland verlassen. Andere glauben, dass der Hitler nicht so verrückt ist wie der Inhalt seiner Aussagen. Die Zeiten haben sich zu früher geändert. Es weht ein anderer Wind als zu Kaisers Zeiten. Der Pfarrer will sich diesem Orkan entgegenstellen.
Ein Mensch vom alten Schlag
Auch in unserem ländlichen Ort gibt es einige, die den Pfarrer im Auge behalten und bereit sind, ihn zu melden. Da wäre der strafversetzte Dorfpolizist, der sich an seiner früheren Arbeitsstelle mehr um den Alkohol als um die gesetzlichen Angelegenheiten gekümmert hat. Gläubig scheint er auch nicht zu sein, denn am vorherigen Ort erwischte man ihn, als er auf einem katholischen Friedhof auf ein Grab pinkelte. Darum war und ist er einigen in der Partei dankbar, die ihm trotz des Protests des Provinzialbischofs die Möglichkeit geboten haben, sich in diesem Nest zu bewähren.
Ein überzeugter Parteigänger ist der Fleischermeister. Klein mit breiten Schultern und einem Stiernacken ist er, dazu hinterlistig und verschlagen. Auch der Gutsverwalter, der nie viel spricht und etwas sehr Unpersönliches ausstrahlt, ist der Partei angetan. Einmal in der Woche, am Sonntag, kommt er in den Ort und trifft sich nach der Messe mit den Mitgliedern der Partei im Dorfkrug. Es ist im eigentlichen Sinn keine Mitgliederversammlung der Ortsgruppe, sondern ein Zusammenkommen mit Austausch von Neuigkeiten, bei dem einige Gläser geleert werden.
So auch an diesem Sonntag. Der Dorfpolizist und der Fleischermeister sitzen schon am Stammtisch in einer ruhigen Ecke, ein Verwaltungsangestellter und zwei Sägewerkarbeiter treten mit dem Gutsverwalter in den Dorfkrug ein und entrichten den obligatorischen Gruß an die Parteimitglieder. Alsbald diskutiert man über die Predigt des Pfarrers, der sich erneut wie so oft in letzter Zeit über den Führer und die Partei ausgelassen hat. Man beschließt, dem Pfarrer eine Lektion zu erteilen, an die er noch lange denken soll.
An diesem Dienstagabend geht der Pfarrer wie jeden Abend nach dem Abendessen in die Kirche, um nach dem Rechten zu sehen. Nach seinem Rundgang durch die Kirche verharrt er einige Minuten in einer Sitzbank. Er verlässt die Kirche durch das Hauptportal, schließt die Tür ab und macht sich auf den Weg zum Pfarrhaus. Kerzen brennen auf den Gräbern und geben der Dunkelheit etwas Feierlichkeit. Wie immer kommt der Pfarrer an dem großen Holzkreuz in der Mitte des Friedhofs vorbei.
Rache am Pfarrer
Er hört nicht die leisen Schritte, die sich ihm nähern, auch nicht das Geräusch, als ihn ein Holzknüppel am Kopf trifft. Erst einige Stunden später erwacht er; die Glieder schmerzen ihn von einer ungewohnten Haltung. Er will sie an sich ziehen, doch das gelingt ihm nicht. Dunkelheit umgibt ihn, er sieht nicht die Kerzenlichter auf den Gräbern, da ihm etwas über den Kopf gestülpt ist.
Am frühen Morgen treibt der Schäfer die Schafe aus den Stallungen auf die Weide. Meist trifft er auf seinem Weg die Witwe eines vor etlichen Jahren von einem Wilderer erschossenen Forstarbeiters auf ihrem Gang vom Friedhof. Die Witwe geht jeden Tag mehrmals an das Grab ihres Verblichenen. Als sie in Gedanken versunken über den Friedhof geht, vermeint sie ein Stöhnen zu hören. Als sie sich umblickt, sieht sie etwas am Holzkreuz hängen. Ein lauter Schrei entfleucht ihr, als sie erkennt, dass dort ein Mensch hängt. Der Schrei lockt den Schäfer an und einen Lorbass, der barfuß gerade einige Hühner am Jagen ist. Der Schäfer schickt ihn unverzüglich zum Dorfpolizisten und zum Ortsvorsteher. Nach wenigen Minuten sind auch weitere Dorfbewohner anwesend. Der Pfarrer wird vom Kreuz abgebunden, ins Pfarrhaus gebracht und versorgt. Der Ortsvorsteher meint, dass die oberen Behörden sich um die Angelegenheit kümmern sollten und ruft in der Stadt bei der Polizeidienststelle an. Am Mittag erscheint ein Oberkommissar mit einigen Polizisten. Sie können keine dienlichen Hinweise am Tatort finden, und so ziehen sie am Abend unverrichteter Dinge wieder ab.
Der Pfarrer, der einige Vermutungen hat, wer hinter der Angelegenheit steckt, informiert seinen Vorgesetzten und dieser den Provinzialbischof über den Vorfall. Dieser setzt sich mit dem Gauleiter in Verbindung. Unter dem Druck des Gauleiters kommen Vorgesetzter und Bischof zu dem Ergebnis, die Angelegenheit nicht an die große Glocke zu hängen. Wenige Tage später erscheinen bei dem Pfarrer einige düster aussehende Herren aus Königsberg und legen dem Pfarrer nahe, die Pfarrei zu verlassen. Seitdem hat man in dem kleinen Ort von dem Pfarrer nie wieder etwas gehört.

