26.08.2026

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Folge 10-24 vom 08. März 2024 / Innere Sicherheit / Suche nach Ausflüchten geht weiter / Der Clan-Krieg auf Berlins Straßen eskaliert – Forscher nennen es Folge von „Ausgrenzung“

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 10-24 vom 08. März 2024

Innere Sicherheit
Suche nach Ausflüchten geht weiter
Der Clan-Krieg auf Berlins Straßen eskaliert – Forscher nennen es Folge von „Ausgrenzung“
Hermann Müller

Vermutlich haben sich nur die wenigsten Berliner vor zehn oder zwanzig Jahren vorstellen können, in welchem Umfang schwere Gewaltkriminalität wie Raubmorde, Messerangriffe oder Schusswechsel irgendwann zum Alltagsgeschehen der Stadt gehören werden. Inzwischen müssen die Bewohner Berlins zur Kenntnis nehmen, dass insbesondere türkisch-arabische Großclans Gewaltkriminalität ganz ungehemmt in aller Öffentlichkeit austragen.

Wie die Gewerkschaft der Polizei feststellte, erlebt Berlin derzeit „wieder eine Welle an Auseinandersetzungen, bei denen auch vor Waffengewalt in der Öffentlichkeit nicht zurückgeschreckt wird“. Als Folge solcher brutalen Auseinandersetzungen musste die Polizei am 24. Februar mit einem Großaufgebot die Notaufnahme des Urban-Krankenhauses sichern. Wie regionale Medien berichten, waren zum Schutz des Krankenhauses in Berlin-Neukölln über mehrere Stunden sogar Beamte mit Maschinenpistolen im Einsatz. Vorausgegangen war ein Streit zwischen zwei Clan-Familien, der am Abend des 24. Februars im Kreuzberger Graefekiez ausgetragen wurde. 

„Ganze Horden wie im Urzustand“

Dort soll der Angehörige eines Clans zunächst mit seinem Wagen geparkte Fahrzeuge gerammt haben. Schnell war das mit mehreren Personen besetzte Auto von einer Gruppe aus zehn bis 15 Personen einer anderen Großfamilie umzingelt. In kurzer Zeit holten beide Familien Verstärkung heran. Nachdem die Scheiben des Autos eingeschlagen waren, trugen beide Gruppen im öffentlichen Raum eine brutale Massenschlägerei aus. Im Zuge der Auseinandersetzung erlitt ein 19-Jähriger eine Schussverletzung am Bein. Ein weiterer Mann wurde mit mehreren Stichverletzungen am Oberkörper ins Urban-Krankenhaus eingeliefert. Ein weiterer Jugendlicher kam mit Verletzungen am Kopf in die Notaufnahme. 

In der Vergangenheit war es bei der Behandlung von Clan-Angehörigen immer wieder zu Bedrohungen von medizinischem Personal gekommen. Da auch eine Fortsetzung des Clan-Krieges nicht auszuschließen war, reagierte die Polizei, indem sie schnell das Urban-Krankenhauses mit einem Großaufgebot absicherte. 

Benjamin Jendro, Chef der Berliner Gewerkschaft der Polizei, sprach im Rückblick auf die Gewalteskalation im Graefekiez von „testosterongeladenen Protagonisten“, die beim Konkurrenzkampf um Bereiche wie „Prostitution, Schutzgeld oder Drogenhandel auch nicht vor Waffengewalt zurückschrecken“. Laut dem Polizeigewerkschafter reiche „ein schiefer Blick oder eine Bemerkung“ manchmal aus, „damit ganze Horden wie im Urzustand mit Schlägern, Macheten oder Schusswaffen aufeinander losgehen“.

Sehr kontrovers haben einige Kommentatoren inzwischen Aussagen aufgenommen, die in einer Untersuchung mit dem Titel „Kriminalität im Kontext großfamiliärer Strukturen“ enthalten sind. In der Studie beklagen die Autoren, dass einer großen Gruppe von Menschen, die vermeintlich einem Clan angehörten, generalisierend das Attribut „kriminell“ zugeschrieben werde. Die Aussage ist zweifellos zutreffend. Wahr ist aber auch, dass viele der Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln tatsächlich ein extrem hohes Mobilisierungspotenzial haben und ihnen dies nicht nur zugeschrieben wird. 

Wie Beispiele in Berlin, Bremen oder Nordrhein-Westfalen beweisen, genügt mitunter ein „Pfiff“ oder der Anruf eines Clan-Angehörigen, um bei Auseinandersetzungen innerhalb weniger Minuten Dutzende oder sogar Hunderte Unterstützer zu mobilisieren. Bei Beerdigungen krimineller Clan-Größen reisen bis zu Tausend Trauergäste aus dem gesamten Bundesgebiet an. 

Angeblich „doppelt stigmatisiert“

Auf Kritik gestoßen sind auch Aussagen, wonach Erfahrungen von Alltagsrassismus und Diskriminierung die Angehörigen arabischsprachiger Großfamilien in ihrer persönlichen Entwicklung beeinträchtigten und die Neigung zu kriminellen Handlungen förderten. Nach Ansicht von Robert Pelzer, Studienleiter von der TU Berlin, werden Angehörige arabischsprachiger Großfamilien „gewissermaßen doppelt ausgegrenzt und stigmatisiert. Sie sind wie andere Menschen mit (arabischer) Migrationsgeschichte von Alltagsrassismus betroffen. Zusätzlich werden sie aufgrund ihres Familiennamens oder auch ihres Geburtsortes in eine bestimmte Schublade gestreckt.“ 

Gegenüber dem Magazin „Focus“ behauptete der Kriminologe zudem, dass neben „Fluchterfahrungen und anderen traumatischen Erlebnissen“ auch „die negativen Auswirkungen eines Duldungsstatus“ eine Rolle spielten. Die Studie ist vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit Steuergeldern gefördert worden. Beteiligt an dem Forschungsprojekt waren neben der TU Berlin auch die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, die Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht, die Deutsche Hochschule der Polizei, das Bundeskriminalamt sowie mehrere Landeskriminalämter.