30.04.2026

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Folge 10-24 vom 08. März 2024 / Peter Scholl-Latour / Schwimmer gegen den Strom

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 10-24 vom 08. März 2024

Peter Scholl-Latour
Schwimmer gegen den Strom
Manuel Ruoff

Peter Scholl-Latour schwamm mit einer Unverblümtheit gegen den auf außenpolitischem Gebiet vor allem an Washington orientierten Mainstream der Bundesrepublik, die heute mit einer Karriere in den Medien, zumal den öffentlich-rechtlichen kaum noch vereinbar wäre. So widersprach er dem Propagandabild vom offensiven, aggressiven Russland und dem defensiven Westen. Die Syrienpolitik des Westens kritisierte er ebenso wie dessen Ukrainepolitik und die schnelle NATO-Osterweiterung. Auch in der Innenpolitik schwamm er gegen den Strom, wenn er den sogenannten Klimaschutz als „Modethema“ bezeichnete.

Scholl-Latour war im Abendland verankert, doch ein Wanderer zwischen den Welten. Durch seine Mutter war er zumindest gemäß jüdischem Glauben Jude. Das hinderte ihn nicht daran, Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft zu werden und beste Beziehungen in die islamische Welt zu haben. Von Letzterem zeugt nicht zuletzt seine Begleitung Ayatollah Khomeinis bei dessen triumphaler Rückkehr in den Iran 1978. 

Scholl-Latour, der mit Peter Scholl einen deutschen Geburtsnamen, mit Otto Konrad und Mathilde Zerline Scholl deutsche Eltern sowie mit Bochum einen deutschen Geburtsort hatte, kämpfte mit der Waffe in der Hand für die Grande Nation. Der Besitzer der deutschen Staatsangehörigkeit war ähnlich Alfred Grosser ein Bürger der Französischen Republik. Dazu passt, dass er sich vor der Abstimmung im Saarland und dessen Rückkehr zu Deutschland der dortigen Frankreich-freundlichen Regierung als Pressesprecher zur Verfügung stellte. 

Ungeachtet seiner eindeutigen Verankerung im Katholizismus stand der erklärte Gaullist Vertretern anderer Weltlehren mit einer Offenheit, einer Fähigkeit und Bereitschaft zum Begreifen und Einfühlen sowie einer Fairness gegenüber, die Respekt hervorrief. Hiervon zeugt nicht nur der gegenseitige Umgang mit den Gegnern des Westens im Iran, sondern auch mit dessen Gegnern in Südvietnam, als er und sein Kamerateam 1973 in die Hand der vorrückenden Nationalkommunisten gerieten und nach einer Woche nicht ohne den Austausch gegenseitiger Respektbekundungen wieder ihres Weges ziehen konnten. 

Vor 100 Jahren, am 9. März 1924, kam der Journalist, Sachbuchautor und Publizist auf die Welt. Mehr denn je fehlt der vor zehn Jahren in Rhöndorf Verstorbene dem Pluralismus in der Bundesrepublik.