19.04.2026

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Folge 12-24 vom 22. März 2024 / „Es bedarf der dauernden Fürsorge“ / Das heutige Deutsche Theater Berlin wurde vor 175 Jahren als Privattheater geplant. Seit den 1990er Jahren gehört es zu den vier subventionierten, als Regiebetriebe geführten Sprechbühnen der Hauptstadt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 12-24 vom 22. März 2024

„Es bedarf der dauernden Fürsorge“
Das heutige Deutsche Theater Berlin wurde vor 175 Jahren als Privattheater geplant. Seit den 1990er Jahren gehört es zu den vier subventionierten, als Regiebetriebe geführten Sprechbühnen der Hauptstadt
Bernhard Knapstein

Der Bund fördert das deutsche Kulturleben mit 2,39 Milliarden Euro jährlich – Fördermittel seitens der Länder und Kommunen sind noch hinzuzurechnen. Bundeskulturministerin Claudia Roth (Grüne) hat allein im vergangenen Jahr um die 30 Millionen Euro für 200 Privattheater ausgegeben. Ab sofort soll der sogenannte Kulturpass junge Erwachsene auf Kulturangebote aufmerksam machen und sie regelrecht zur Nutzung derselben nötigen. In einem Land, welches das Bildungsbürgertum zum Ideal erhoben hat, stellt sich durchaus die Frage, ob nicht auch ein anderer Blickwinkel denkbar ist. Die Geburtsstunde eines renommierten Theaterhauses eröffnet eine solche Per­spektive zumindest.

Als vor 175 Jahren die Planung und der Bau für die Errichtung des heutigen Deutschen Theaters nach einem Entwurf des Architekten Eduard Titz begannen, war Bühnenkultur nur im Ausnahmefall höfisch – in der Regel aber Privatsache. In Berlin galten zudem bis 1848 harsche Beschränkungen der Theaterfreiheit. Allein die königlichen Schauspiele – das Opernhaus Unter den Linden und das Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt – sowie das Königstädtische Theater am Alexanderplatz boten dem Publikum polizeilich kontrollierte Bühnenkunst.

Auch ohne staatliche Förderung hatte sich im liberalen, sprich revolutionären Bürgertum bereits ab der Französischen Revolution ein eigenes Kulturleben entwickelt. Vor 1848 hatten sich in den Vororten Berlins Sommerbühnen und Bierschanktheater für Possen, Sing- und Lustspiele oder Schwänke herausgebildet. Das von Friedrich Wilhelm Deichmann 1848 gegründete erste Berliner Privattheater war das Friedrich-Wilhelm-Städtische Theater. Es eröffnete am 25. Juni 1848, nur ein Vierteljahr nach der Märzrevolution, mit dem Stück „Die Nacht der Barrikaden oder der Engel im Dachstübchen“. Er hatte mit der Aufführung von Possen und Couplet-Arrangements Erfolg. Im Jahr darauf begannen die Planungen für ein größeres Haus, und 1850 stand das heutige Deutsche Theater nach den Titz-Entwürfen mit rund 600 Sitzplätzen fertig da. Groß genug für große Gäste – sowohl die Königsberger Oper als auch das Wiener Burgtheater gaben hier Gastspiele.

Erstes Berliner Privattheater

Gottfried Keller gehörte in den Anfangsjahren zum Publikum. Schauspieler und Literaten richteten die Verse nach Tagesbedürfnissen aus, berichtete der Literat. Tratsch und gesellschaftliche Ereignisse wurden aus den Zeitungen auf die Bühne transportiert. „Das Volk bekommt davon nie genug und fordert den Komiker jedes Mal, wenn er endlich abtreten will, auf, noch mehr vorzutragen.“ Am Ende errege der Schauspieler das Aufsehen der Polizei oder wegen „eigenen Unvermögens“ die Gemüter des Publikums. „Es ist rührend anzusehen, wie unverkennbar hier Volk und Kunst zusammen, unbewusst, nach einem neuen Inhalte und nach Befreiung eines allmählich reif werdenden Ideales ringen“, zeigte sich Keller als trefflicher Beobachter des wachsenden Bildungsbürgertums zu Berlin. Was Deichmann mit seinem Theater in der Schumannstraße allerdings nicht gelang, war trotz des Engagements Albert Lortzings als Kapellmeister die langfristige Erschließung des zahlungskräftigeren Großbürgertums. 1872 übernahm schließlich „Kladderadatsch“-Herausgeber Albert Hofmann mit weiteren Geldgebern das Haus. Presse und Bühne waren die „Social Media“ der damaligen Zeit, sodass Hofmann mehrgleisig in der politischen Kritik mitmischen konnte. 

Nach den deutschen Einigungskriegen war das große Schaffen deutscher Literaten, das noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland den bürgerlich-liberalen Drang nach Grundfreiheiten und nationaler Einigung transportiert und zugleich beflügelt hatte, abgeebbt und einer Phase der Stagnation gewichen. Das Pathos der Nationalbewegung war seiner Kernaufgabe mit der Reichsgründung entledigt. Der neue Nationalstolz fand dennoch seine kulturellen Wege. Aus dem Friedrich-Wilhelm-Städtischen wurde das Deutsche Theater. Einen Tag nach der Enthüllung des Niederwalddenkmals zu Rüdesheim, am 29. September 1883, wurde in Berlin das Deutsche Theater als Nationaltheater gegründet. Beide Ereignisse fanden über die Grenzen des Deutschen Reichs hinaus bis in die „Neue Welt“ internationale Aufmerksamkeit.

Das Deutsche Theater wurde als privates Sozietätstheater im Sinne einer Aktiengesellschaft seitens der prominenten Schauspieler Ludwig Barnay, Dr. August Förster, Sigward Friedmann und Friedrich Haase sowie des Bühnenschriftstellers Adolph L’Arronge gegründet. Letzterer hatte 1861 in dem Haus selbst seinen ersten Erfolg mit der komischen Oper „Das Gespenst“ feiern können.

Sozietäts- und Nationaltheater

Weder Preußen noch das Reich finanzierten das Theater-Projekt. Allein private Mittel, die Bekanntheit der Künstler, deren Schaffenskraft und organisatorisches Talent bildeten die Grundlage für das Gelingen oder Scheitern der Bühne. Das Haus selbst befand sich bereits im Besitz L’Arronges, der es 1881 von Hofmanns Erben für 1,35 Millionen Mark erworben hatte. Der Staat betrachtete die nationale Kulturarbeit als Privatsache. Das Wirken der vielleicht gerade dazu berufenen deutschen Hoftheater blieb in der Aufarbeitung der Nationalbewegung blass. Dabei hatte Friedrich Schiller einst die Bühne als moralische Anstalt betrachtet und gesagt: „Wenn wir es erlebten, eine nationale Bühne zu haben, würden wir auch eine Nation!“ Lichtblicke zeigten sich vor der Gründung des Deutschen Theaters allenfalls in Bayreuth mit Richard Wagners Festspielen und den reichsweiten Gastspielen des Meininger Hoftheaters.

Doch auch wenn das Deutsche Theater eine Privatgesellschaft war, die Sozietät vom Mäzenatentum seiner Künstler lebte, die keineswegs mittellos waren, strebten die fünf Gründer grundsätzlich eine staatliche Förderung an. Bereits 1848 hatte es einen Theaterreformplan des preußischen Kultusministeriums gegeben. Siegward Friedmann stellte von Anbeginn des Projekts fest, dass das Deutsche Theater „keine Privatgesellschaft von fünf Männern“ sein dürfe, „sondern der dauernden Fürsorge des Staates oder eines edelherzigen Herrschers bedarf“. Das Problem: Das Kunstschaffen auf einer nicht subventionierten Bühne untersteht dem Zwang des Gewinns. Es war für das Deutsche Theater insoweit von Vorteil, dass nicht Kaufleute, sondern wohlhabende, weil begnadete Künstler die Aktionäre des Hauses waren und sie der deutschen Nation ein Kulturhaus ersten Ranges anzubieten gedachten.

Künstlerisch lebte das Deutsche Theater vor allem vom Ruhm der Darsteller. Die Wahl der Stücke und Uraufführungen war von Anbeginn eine Herausforderung. Neben den ersten Inszenierungen, die freilich den großen Klassikern Schiller („Kabale und Liebe“), Goethe („Iphigenie“) und Lessing („Minna von Barnhelm“) gewidmet waren, mussten auch neue Stücke uraufgeführt werden. Bereits in der ersten Spielzeit mussten allerdings auch mehrere Stücke schon nach drei oder fünf Aufführungen wieder abgesetzt werden. Allein der „Probepfeil“ Oskar Blumenthals galt als bedeutsam und brachte es auf 35 Wiederholungen, hatte der Autor die Rollen doch eigens den großen Darstellern auf den Leib geschrieben.

Mit Brahm kam der Naturalismus

Das Unternehmen war wirtschaftlich und künstlerisch unterm Strich erfolgreich. Die Sozietät brach unter L’Arronge dennoch bereits frühzeitig auseinander. Haase schied nach einer schlechten Kritik der eigenen Darstellung bereits Ende 1883 aus, im Jahr darauf Barnay, dem private Probleme seelisch zusetzten. Im Dreikaiserjahr 1888 nahm Förster das Angebot, die Leitung des Wiener Burgtheaters zu übernehmen, an, und 1892 schied zuletzt auch noch Friedmann aus. Zwei Jahre darauf legte L’Arronge als nunmehr alleiniger Besitzer und Direktor die Leitung des Deutschen Theaters zugunsten von Otto Brahm nieder.

Brahm führte am Deutschen Theater gleich mit seiner ersten Inszenierung („Kabale und Liebe“) eine neue Kunstrichtung ein – den Naturalismus. Nicht mehr das Deklamieren der Texte stand im Vordergrund, sondern das realistische, dramatische Agieren. Brahms präferierter Autor war der schlesische Dramatiker und spätere Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, der es bereits 1891/92 mit „Die Weber“ zu Weltruhm gebracht hatte. Hauptmann blieb dem Deutschen Theater noch über Jahrzehnte erhalten – im Februar 1920 wurde hier sein Stück „Einsame Menschen“ uraufgeführt.

Der von Brahm entdeckte und ans Deutsche Theater mitgebrachte Schauspieler Max Reinhardt übernahm das Deutsche Theater 1905. Er kaufte von L’Arronge das Haus für knapp zweieinhalb Millionen Mark, baute eine Drehbühne ein und errichtete eine Werkstatt, um plastische Bühnenbilder bauen zu lassen. Reinhardt gab dem Deutschen Theater einen gewaltigen Schub und mehrte den internationalen Glanz der Bühne mit einem inszenierten Shakespeare-Zyklus sowie der Aufführung zeitgenössischer Autoren wie Hofmannsthal, Wedekind, Sternheim oder Strindberg. Die Bedeutung Reinhardts für die deutschen Bühnen war so umfassend, dass die Nationalsozialisten dem aus einer jüdischen Pressburger Kaufmannsfamilie stammenden Kulturheroen eine „Ehren-Arierschaft“ antrugen. Er hatte die Leitung des Deutschen Theaters bereits 1920 abgegeben, inszenierte 1933 noch einmal die von ihm begründeten Salzburger Festspiele mit dem noch jungen Dirigenten Herbert von Karajan und emigrierte 1934 in die USA.

Blüte unter Max Reinhardt

Das Deutsche Theater genoss in der NS-Zeit einigermaßen künstlerische Freiheiten unter der Intendanz von Heinz Hilpert, führte in der sowjetischen Besatzungszeit kommunistische Autoren – vor allem auch Bert Brecht oder Jewgeni Schwarz’ Märchenparabel „Der Drache“ (580 Aufführungen) auf.

Das Deutsche Theater besteht mittlerweile aus drei Bühnen: dem Großen Haus mit 600 Plätzen in der von Max Reinhardt konzipierten Einrichtung, den Kammerspielen mit 230 Plätzen und der sogenannten „Box“ im Foyer mit 80 Plätzen. Seit 2023 leitet Iris Laufenberg als erste Frau das Theater.

Auch wenn das Deutsche Theater noch nicht allen künstlerischen Glanz früherer Tage eingebüßt hat: Ohne die beträchtliche Förderung von jährlich knapp 30 Millionen Euro seitens des Landes Berlin gäbe es das Theater heute nicht mehr. Etwas launenhaft ließe sich angesichts der Subventionierung des Hauses formulieren: Das freiwillige Mäzenatentum des deutschen Bildungsbürgertums von einst erfolgt heute nach sozialistischen Maßstäben über Bande durch den Steuerzahler, sodass Bühnenkunst Gewinneinbußen nicht mehr zu fürchten braucht. Doch die fünf Träger des Deutschen Theaters ab 1883 behielten mit ihrer Grundforderung staatlichen Wohlwollens zumindest recht.