Trotz eines Rekordwachstums bei den Erneuerbaren Energien im vergangenen Jahr sei die Energiewende aufgrund bestehender struktureller Hindernisse und eines beträchtlichen Investitionsdefizits nach wie vor ab vom Kurs. Dies behauptet zumindest die internationale Regierungsorganisation für Erneuerbare Energien IRENA in einer aktuellen Studie. Derzeit gehören der IRENA 169 Staaten und die Europäische Union an.
Bis zum Jahr 2030 müsse der jährliche Zubau im Durchschnitt mehr als doppelt so hoch sein wie derzeit, um die Ziele der letzten internationalen Klimakonferenz COP28 zu erreichen, so die Autoren der Studie. Eine Verdreifachung der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien bis 2030 sei sowohl technisch machbar als auch wirtschaftlich tragfähig. Die Umsetzung erfordere jedoch hohe Investitionen, politische Maßnahmen zur Unterstützung und Entschlossenheit.
Der aktuelle Bericht wurde in der vergangenen Woche in Berlin vorgestellt. Dies ist kein Zufall, wurde die IRENA doch im Jahr 2009 in Bonn gegründet.
Um die auf der COP28 festgelegten Ziele zu erreichen, sei es nötig, viel Geld in die Hand zu nehmen. Nötig seien jährliche Investitionen in Höhe von 1,55 Billionen US-Dollar (rund 1,43 Billionen Euro). „Nach dem historischen Konsens der Vereinigten Arabischen Emirate auf der COP28 über die Verdreifachung der Erneuerbaren Energien führt diese Kapazitätserweiterung – trotz des Rekordwertes – klar vor Augen, dass wir noch weit vom Ziel entfernt sind. In ihrer Funktion als Überwachungsagentur verfolgt die IRENA jedes Jahr den Fortschritt bestimmter Schlüsselindikatoren. Unsere Daten bestätigen, dass es an Fortschritt mangelt und die Energiewende nach wie vor stagniert“, klagte IRENA-Generaldirektor Francesco La Camera, der während der Präsentation ein bemerkenswert offenes Plädoyer gegen die Kernkraft hielt und diese wörtlich als „Witz“ bezeichnete. „Wenn Sie googeln, wie viel installierte Leistung aus Atomkraft heute stammt, lesen Sie: 371 Gigawatt, installiert in den vergangenen 70 Jahren. Wir haben in einem Jahr 30 Prozent mehr Leistung mit Erneuerbaren installiert als in 70 Jahren mit Atomkraft“, sagte La Camera. Der Italiener steht seit 2019 an der IRENA-Spitze und war vorher über Jahre als Diplomat seines Landes sowie als Hochschulprofessor aktiv.
Schon in der Vergangenheit setzte er sich für die Energiewende vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern ein. Dort sieht er auch in der Gegenwart die entscheidenden Stellschrauben. Insgesamt seien letztes Jahr zwar mehr als zwei Billionen US-Dollar in die Energiewende investiert worden. Doch die Investitionen seien ungleich verteilt. „Nur 15 Prozent sind in die 120 Entwicklungsländer geflossen, in die afrikanischen Länder südlich der Sahara weniger als 1,5 Prozent“, betonte er. Gleichzeitig seien 1,3 Billionen US-Dollar (rund 1,2 Billionen Euro) in die Subventionierung fossiler Energieträger geflossen. „Es ist so evident“, sagte La Camera, „warum geben wir unseren finanziellen Institutionen nicht die Priorität, das Geld für die Infrastruktur in Afrika zu verwenden?“


