Der Berliner Zeitungsmarkt ist seit Kurzem um zwei weitere Traditionsangebote ärmer. Bereits zum 30. Juli vergangenen Jahres hatte die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ ihre gedruckte Sonntagsausgabe eingestellt. Seit Anfang dieses Monats erscheinen nun auch die „Berliner Morgenpost“ und der „Tagesspiegel“ sonntags nicht mehr mit Druckausgaben. Die Funke Mediengruppe als Eigentümer der „Morgenpost“ will sich zu konkreten Geschäftszahlen nicht äußern, teilte aber mit, sie habe keine „robuste wirtschaftliche Perspektive“ für die Sonntagsausgabe gesehen. Die Ära der extrem umfangreichen Sonntagsausgaben ist damit auch auf dem Berliner Zeitungsmarkt beendet. Überregionale Angebote wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Welt am Sonntag“ erscheinen bereits seit 2021 immer schon sonnabends.
Der Berliner „Tagesspiegel“ hatte seinen Entschluss, keine gedruckte Sonntagsausgaben mehr anzubieten, mit steigenden Logistikkosten begründet. Die „Berliner Zeitung“, Hauptkonkurrent des „Tagesspiegel“ verwies in ihrer Berichterstattung darauf, dass schon der Relaunch der Printausgabe des „Tagesspiegel“ nicht funktioniert habe, und stellte die Frage, wie lange Verleger Dieter von Holtzbrinck am „Tagesspiegel“ noch festhalten werde. Derlei Kommentare sind Teil einer schon seit Monaten ausgetragenen Fehde zwischen den beiden Hauptstadtzeitungen. So warf der „Tagespiegel“ dem Konkurrenzblatt etwa vor einigen Wochen vor, ein Interview mit Roger Waters verfälscht zu haben. Die „Berliner“ konterte mit dem Vorwurf, der „Tagesspiegel“ verzerre die Wahrheit.
Wieder aufgelebt erscheint damit eine Konkurrenzsituation, wie sie bereits im Gründungsjahr beider Zeitungen bestand. Im Herbst 1945 war der „Tagesspiegel“ die erste deutsche Tageszeitung, die von der US-amerikanischen Besatzungsmacht eine Lizenz erhalten hatte. Die US-amerikanischen Behörden selbst hatten nach dem Einzug in ihrem Berliner Besatzungssektor am 8. August 1945 die „Allgemeine Zeitung“ herausgebracht.
Mitarbeiter der bereits im November 1945 wieder eingestellten Zeitung waren unter anderem der spätere Regierungssprecher Peter Boenisch, der bekannte Theaterkritiker Alfred Kerr und Egon Bahr. Die sowjetische Besatzungsmacht hatte schon am 21. Mai die „Berliner Zeitung“ ins Leben gerufen. Die Chefredaktion lag zu diesem Zeitpunkt noch in sowjetischer Hand. Einer der ersten Journalisten des Blattes war Konrad Wolf, der später als Filmemacher bekannt wurde.
Jahrzehnte nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung der Stadt ist zumindest auf dem Zeitungsmarkt Berlins noch immer eine Teilung zu erkennen. Der „Tagesspiegel“ hat seine Kernleserschaft weiterhin im Westteil Berlins. Unübersehbar hat das Blatt bis heute seine stark transatlantische Ausrichtung behalten. Hinzugekommen sind in den letzten Jahren mancherlei Zeitgeistthemen, etwa der „Queerspiegel“ mit „News zu LGBT-Themen“. Die „Berliner Zeitung“ hat seit 1990 gleich mehrmals den Eigentümer gewechselt. Im Jahr 2019 übernahm der mitteldeutsche Unternehmer Holger Friedrich die „Berliner Zeitung“ und versucht sich seitdem an einer Neuausrichtung des Blattes.


