04.05.2026

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Folge 15-24 vom 12. April 2024 / Eine Gedichtauswahl 1944 / Vorauserinnerung an das verlorene Ostpreußen / Gedanken über ein wiederentdecktes Buch aus dem Kanter-Verlag – Wegen NS-Nähe wurde 2022 Heiner-Dikreiter-Weg umbenannt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-24 vom 12. April 2024

Eine Gedichtauswahl 1944
Vorauserinnerung an das verlorene Ostpreußen
Gedanken über ein wiederentdecktes Buch aus dem Kanter-Verlag – Wegen NS-Nähe wurde 2022 Heiner-Dikreiter-Weg umbenannt
Rolf Stolz

Was sollte man 1944 in Ostpreußen schreiben? Dass mit den Rückschlägen in Russland der Feind sich der Grenze näherte und eine Katastrophe bevorstand, wurde von Tag zu Tag wahrscheinlicher, aber wer hinter vorgehaltener Hand flüsterte, riskierte längst schon das Standgericht. Offiziell herrschte der Zweckoptimismus: Meiner Mutter, die nahe Posen lebte, erklärte noch Anfang Januar 1945 der Bürgermeister von Eichenbrück/Wongrowitz, die Front werde unbedingt halten. 

Das 1944 im Kanter-Verlag Königsberg erschienene Büchlein, über das ich berichte, entzieht sich solchen absurden Beschönigungen. Es ist klein genug für die Westentasche eines Flüchtlings und wohl auch so in den Westen gelangt. Sein Titel lautet „Erinnerung. Eine Auswahl deutscher Gedichte“. Es gibt kein Vorwort – der Titel ist Programm genug. Noch einmal wird angesichts des nahen Untergangs beschworen, was die deutsche Dichtung auszeichnete. 

Die Gedichte beginnen mit „Der Säemann“ von Matthias Claudius: Tod und Verwesung benennend, aber auch die Erhebung ins Höhere und Ewige. Es folgen zwölf bekannte und eher unbekannte Goethe-Gedichte, in denen es um Ergebung ins Schicksal, um Suche nach Ruhe und Todesstille, aber auch um Hoffnung, Zukunft und mutigen Kampf geht. Daran reihen sich zwei Schiller-Gedichte und fünf von Friedrich Hölderlin, darunter das großartige „Hyperions Schicksalslied“, in dem von den „leidenden Menschen“ gesprochen wird, die das Leben „jahrelang ins Ungewisse hinab“ schleudert. 

Zwischen Schicksalsergebenheit, Hoffnung und Mut

Die Romantiker (Novalis, Schlegel, Kleist, Fouqué, Brentano, Kerner, Uhland, Eichendorff mit fünf Gedichten, Lenau, Mörike) bilden einen eher idyllischen Mittelteil mit „linder Trauer“ und „ewigen Gefühlen“, in dem der Morgen die Nachtgespenster vertreibt. Friedrich Theodor Vischer und Friedrich Hebbel bilden den Übergang in einen eher verdüsterten Realismus. „Leben und Liebe vorbei und der Himmel so leer“, so heißt es in Theodor Storms „Über die Heide“, während Gottfried Keller auf „der Freiheit Fechterschar“ und die „Morgenwende“ hofft. 

Der melancholische Skeptiker Theodor Fontane sieht „Hoffen, Hassen, Lieben“ schwinden: „Und ist nichts in Sicht geblieben/als der letzte dunkle Punkt.“ Conrad Ferdinand Meyer dagegen nimmt Partei für das Leben: „Die Erde bleibt noch lange jung.“ Den Schluss bilden drei Gedichte kleinerer Poeten: des Badensers Joseph Victor von Scheffel (1826–1886; eine Bootfahrt in Dunkel und Nebel), des Schweizers Heinrich Leuthold (1827–1879; die im Leid tröstende Erinnerung) und des Bayern Karl Stieler (1842–1885). In dessen Gedicht unter dem Titel „Im Sturme“, dem letzten im Buch, geht es um ein alles zerstörendes Leid. Es endet: „Erbarmungsloser Sturm, erbarme Dich meiner! Lasse mir meinen Schmerz!“ 

Auch der Hintergrund des Büchleins ist nicht ohne. Umschlag und Satz wurden gestaltet von dem Graphiker Emil Preetorius (1883–1973), einem der bedeutendsten Buchgestalter und Bühnenbildner Deutschlands. 1942 war er als „Judenfreund“ denunziert und von der Gestapo inhaftiert worden, kam aber auf Intervention Hitlers frei, der ihn für das Theater als unersetzlich ansah. Gestaltet hat Preetorius den Satz mit einer sehr charaktervollen Frakturschrift. Die Nationalsozialisten hatten mit einem Rundschreiben der Reichskanzlei vom 3. Januar 1941 „im Auftrage des Führers“ solche Frakturschriften verboten. Die „Antiqua-Schrift“ als künftige „Normal-Schrift“ sollte die angeblichen „Schwabacher Judenlettern“ vollständig ersetzen: „Nach und nach sollen sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden.“ 

Hier klitterten die NS-Barbaren die Geschichte: Juden war im Mittelalter jede Arbeit in einer Druckerei verboten. Aber nun wollte man als erträumte Weltmacht eine in allen Ländern leicht lesbare Schrift haben. Preetorius wusste sich in seinem künstlerischen Widerstand einig mit dem Herausgeber Otto Dikreiter (1899–1990), der 1928 als Verlagsleiter von Gräfe & Unzer nach Königsberg gekommen war und 1938 in der Graphischen Kunstanstalt den Kanter-Verlag gegründet hatte – benannt nach dem Buchhändler, Drucker, Zeitungsbesitzer, Papierfabrikanten und Lotteriedirektor Johann Jacob Kanter (1738–1786), einem Freund Kants, Herders und Hamanns. Im Kanter–Verlag erschien ein Buch mit Illustrationen von Renée Sintenis (1888–1966), die als Schöpferin angeblich „Entarteter Kunst“, wegen einer konvertierten jüdischen Großmutter und auch wegen ihres offen antifaschistischen und 1933 als Kunstprofessor entlassenen Mannes, des Malers und Dichters Emil Rudolf Weiß (1875–1942), aus der Akademie der Künste ausgeschlossen wurde und 1941 ein Bronzegussverbot erhielt. Otto Dikreiter war der Sohn des SPD-Politikers Heinrich Georg Dikreiter (1865–1947), dessen lesenswerte Autobiographie „Vom Waisenkind zur Fabrik. Geschichte einer Proletarierjugend“ 1914 erschien (Neuauflage 1988) und 1933 verboten wurde. 

Noch eine Arabeske: Der im Würzburger Stadtteil Sanderau gelegene und nach dem zweiten Sohn H. G. Dikreiters, einem renommierten Maler und Museumsleiter, benannte Heiner-Dikreiter-Weg wurde nach einem Beschluss des Würzburger Stadtrats vom 11. März 2022 wegen Dikreiters Mitgliedschaft in der NSDAP und der Reichskammer der bildenden Künste umbenannt. Heldenhafter Widerstand der Selbstgerechten – mit 90 Jahren Verspätung.