„Dem Industriestandort Deutschland geht es nicht gut.“ Seit Monaten mahnt das einer, der es wissen muss: der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm.
Zum Auftakt der Hannover-Messe hat der seit drei Jahren amtierende BDI-Chef der Bundesregierung einen weiteren verbalen Schuss vor den Bug verpasst. Mit Blick auf die bisherige Legislaturperiode der Ampelregierung stellte er fest: „Es waren zwei verlorene Jahre – auch wenn manche Weichen schon in der Zeit davor falsch gestellt wurden.“
Die Botschaft kam beim Bundeskanzler Olaf Scholz an. Denn der sah sich bei seiner Rede auf der Messe dazu genötigt, seine Regierungszeit als „Turnaround-Jahre“ zu verteidigen, also Jahre des – angeblichen – Umschwungs.
Davon kann nicht nur Russwurm kaum etwas erkennen. Auch die gesamte Wirtschaft klagt über zu hohe Produktionskosten durch fehlgeleitete Energiepolitik, überbordende Bürokratie, Fachkräftemangel und etliche weitere Ärgernisse.
„Die Klage ist das Lied des Kaufmanns“, zitiert Russwurm das Totschlagargument des Kanzlers. Wohl auch deshalb läutet außer ihm kaum jemand die Alarmglocken. Man muss wohl aus Bayern kommen, um mit dem CSU-Ministerpräsidenten und Möchtegern-Kanzler Markus Söder im Rücken Klartext zu sprechen. Russwurm ist gebürtiger Franke aus Marktgraitz, geht mit seinen 60 Jahren auf die Rente zu und verfügt als Aufsichtsratschef bei Thyssenkrupp und der Voith Group inzwischen über genug Rückgrat, um der Regierung die Leviten zu lesen.
Dabei arbeitete er sich aus einfachen Verhältnissen nach oben. Seine Eltern waren Arbeiter, trotzdem schaffte er das Gymnasium, studierte Fertigungstechnik und durchlief bei Siemens fast seine gesamte berufliche Karriere bis hin zum Vorstandsmitglied. Neben einer Honorarprofessur für Mechatronik an der Universität Erlangen-Nürnberg steht er seit Anfang 2021 dem BDI vor. Seine kompetente Stimme in diesem einflussreichen Verband sollte Scholz nicht überhören. Es wäre fatal für Deutschland.

