Eine extrem einseitige Darstellung
Die Harvard University gehörte lange Zeit zu den angesehensten Hochschulen der Welt. Mittlerweile geriet sie jedoch wegen diverser Skandale und aufgrund ihres repressiven Meinungsklimas in Verruf. Das hat auch Auswirkungen auf die Qualität des Lehrkörpers. Insofern muss die Aussage, dass der Direktor des Ukrainischen Forschungsinstituts in Harvard, der
ukrainisch-amerikanische Historiker Serhii Plokhy, eine unbestrittene, wenn nicht gar die führende Autorität auf dem Gebiet der Geschichte seines Herkunftslandes sei, mit Vorsicht betrachtet werden. Wie notwendig dies ist, zeigt unter anderem Plokhys aktuelles Buch „Der Angriff. Russlands Krieg gegen die Ukraine und seine Folgen für den Rest der Welt“.
Darin bemüht sich der Autor um „eine umfassende Darstellung“ des russisch-ukrainischen Konfliktes seit dessen frühesten Anfängen bis zur russischen Invasion vom Februar 2022. Diese kann aber unter keinen Umständen als wissenschaftlich neutral gelten. Denn letztlich stellt Plokhys Werk eine einzige Anklage gegen Russland dar, während im Gegenzug die Rolle der Ukraine in den leuchtendsten Farben gezeichnet wird.
Ukraine wird in den höchsten Tönen gelobt
So versucht Plokhy zu suggerieren, dass die friedliche Auflösung der Sowjetunion vorrangig der Ukraine zu verdanken sei, wonach er dann noch ein Loblied auf die „ukrainische Demokratie“ und deren Institutionen singt. Des Weiteren setzt sich der Harvard-Historiker ausgiebig mit dem russischen Nationalismus auseinander, ohne aber dem ukrainischen Nationalismus oder Ultra-Nationalismus mit teilweise faschistoiden Zügen wie im Fall von Stepan Banderas Organisation Ukrainischer Nationalisten die gleiche Aufmerksamkeit zu widmen.
Extrem einseitig sind darüber hinaus die Schilderungen der Ereignisse während der sogenannten „Revolution der Würde“ Ende 2013/Anfang 2014, welche de facto ein Staatsstreich war, der den rechtmäßigen Präsidenten Wiktor Janukowytsch das Amt kostete und Putin zu einem stärkeren Engagement in der Ukraine veranlasste. Ebenso geht Plokhy kaum auf die Korruption in der Ukraine und die dubiose Rolle der Oligarchen sowie die problematische Politik der Kiewer Regierung gegenüber den nationalen Minderheiten in der Ukraine ein.
Und die Darstellung der Kriegsereignisse ab Februar 2022 kommt gleichfalls nicht ausgewogener daher. So bleibt die Präsenz westlicher Geheimdienste in der Ukraine vor und nach dem russischen Einmarsch unerwähnt. Dazu kommt die unsachliche Kritik an der angeblich zu zögerlichen Hilfe Deutschlands, wobei die Sabotage an den Nord-Stream-Gasleitungen ebenso wenig ein Thema für den Autor ist. Wolfgang Kaufmann
Serhii Plokhy: „Der Angriff. Russlands Krieg gegen die Ukraine und seine Folgen für die Welt“, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2023, 494 Seiten, gebunden, 26 Euro