Künstliche Intelligenz (KI) wird neuerdings als das Wundermittel schlechthin angepriesen, mit dem sich fast alle Probleme unserer Zeit lösen ließen. Das gilt auch für die Medizin. Immerhin fallen hier gigantische Datenmengen an, deren Verarbeitung zu den Schlüsselqualifikationen der KI gehört. Ein durchschnittlicher Patient generiert in seinem Leben Gesundheitsdaten im Umfang von rund einer Million Gigabyte, was dem Inhalt von 300 Millionen Büchern entspricht.
Allerdings hat die KI auf dem Gebiet der Medizin schon etliche spektakuläre Fehlleistungen vollbracht. So entwickelten Forscher des Internetriesen Google ein Vorhersagesystem für Grippe-Epidemien namens Flu Trend. Das gab jedoch mehrmals hintereinander stark fehlerhafte Vorwarnungen ab. Der Grund lag in den Algorithmen von Google. Bestimmte Begriffe, welche die Nutzer in die Suchmaschine eingaben, sollte die KI als Hinweise für das Heraufziehen einer Grippewelle werten. Im Falle von „Fieber“ oder „Husten“ war dies natürlich sinnvoll.
Jedoch basierten die Prognosen von Flu Trend auch auf der gehäuften Suche unter dem Stichwort „Basketballspiel“. Und das war ein Fehlschluss der KI, der daraus resultierte, dass der Höhepunkt der Basketballsaison im Herbst zufälligerweise mit dem Beginn einiger Grippeausbrüche zusammenfiel.
Ebenso versagte die KI in der Vergangenheit auf dem Gebiet der Erkennung von Hautkrebs. Im Zuge des Trainings der Künstlichen Intelligenz hatte man Bilder von echtem Hautkrebs verwendet, bei denen ein mitfotografiertes Lineal die Größe des Tumors verdeutlichte. Daher produzierte die KI später massenhaft falsche Hautkrebsbefunde, weil sie Fotos, auf denen neben der verdächtigen Hautstelle Lineale zu sehen waren, in der Regel negativ interpretierte.
Ein weiteres Beispiel ist der Medizincomputer Watson der Firma IBM, der ebenfalls automatisierte Krebsdiagnosen erstellen sollte. Er lieferte jedoch nur Ergebnisse, die dem Wissensstand eines Medizinstudenten im ersten Semester entsprachen, weswegen IBM Watson 2022 aus dem Verkehr zog. Als ähnlich unbrauchbar erweisen sich viele Gesundheitsapps auf KI-Basis zur Hilfe bei Schlaf- und Angststörungen sowie übermäßigem Stress. Im Vergleich zu menschlichen Therapeuten liegen die Abbruchquoten hier exorbitant höher.
Und auch die erhoffte Kostenersparnis bleibt oft aus. So stiegen die Gesundheitsausgaben in Großbritannien nach der Einführung des digitalen Programms Connecting for Health um umgerechnet 800 Milliarden US-Dollar, weil die KI ständig Fehlalarme produzierte und den Ärzten zahllose überflüssige Tests vorschlug.
Das Hauptübel beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Medizin ist die Erkennung von Mustern, welche zwar enorm schnell erfolgt, aber den Gesamtzusammenhang unberücksichtigt lässt, den ein menschlicher Arzt in seine Entscheidungen stets mit einbezieht. Außerdem ist selbst im Erfolgsfalle meist nicht klar, auf welchem Wege die KI zu ihren Ergebnissen gelangte. Und das schürt logischerweise Misstrauen. W.K.


