Rettende Erinnerung
Als der Kleinkriminelle Boris sich bei einem Freigang in die Buchabteilung eines Kaufhauses begibt, lässt er ein Buch über Königsberg, das ihn fesselt, mitgehen. Dieses Vergehen verhindert seine vorzeitige Haftentlassung. Als diese endlich erfolgt, lebt der entwurzelte Mann zunächst orientierungslos vor sich hin. Lediglich die Faszination für Bücher über Königsberg bleibt ihm.
Zu Beginn der Flucht war er als sechsjähriges Kind im Chaos in Königsberg von seiner Mutter getrennt worden. Dieses traumatische Erlebnis gibt Boris als Begründung für seine kriminellen Handlungen an. Erst die Begegnung mit dem Buchhändler Herrn Fischer ändert sein Leben. Der ebenfalls aus Ostpreußen stammende Mann erkennt das Talent des aus der Bahn Geratenen und stellt ihn in seiner Buchhandlung als Gehilfen an. Bald entdecken beide ihr gemeinsames Interesse an der Heimat und beschließen, zusammen nach Königsberg zu reisen. Die Beschäftigung mit den Heimatbüchern haben die längst verschütteten Erinnerungen des alternden Boris zurückgeholt.
Die Reise in die Heimat erlebt er als verstörend und beglückend zugleich, nicht zuletzt dank der Begegnung mit der geheimnisvollen Russin Swetlana, die sich um ihn kümmert und dank deren Engagement sich sein Leben zum Positiven verändert.
Der Autor Wolfgang Bullerdiek war Professor für Soziologie und beschäftigte sich in den Jahren 1971 bis 2002 mit Praxisprojekten im Strafvollzug und in der Altenarbeit. Vieles von dem, was er in seinem sehr lesenswerten Roman „Königsberg“ beschreibt, dürfte PAZ-Lesern, die selbst einmal im nördlichen Ostpreußen gewesen sind, bekannt vorkommen, wie etwa die Orte an der Ostsee oder auch der „Königsberger Express“, für den Boris am Ende arbeiten wird. MRK
Wolfgang Bullerdiek: „Königsberg. Roman“, Omnino Verlag, Berlin 2024, broschiert, 243 Seiten, 16 Euro
Hellers letzter Fall
Kommissar Max Heller wird bei den Ermittlungen eines grausamen Doppelmordes in Dresden durch die Stasi gegängelt. Er muss sich mit seinen Äußerungen vorsehen, damit er nichts Falsches sagt. Zwei Jahre vor der Rente muss er sich zusammenreißen.
Der letzte Fall der Krimireihe um Kommissar Heller spielt im Dresden Anfang der 1960er Jahre. Er beschreibt neben den Ermittlungen auch die Schwierigkeiten, die man in der DDR hatte. Wer nicht spurte, konnte seine Karriere und die Laufbahn der Kinder abschreiben. Ein spannender Krimi mit einer leider zu langen und verwirrenden Aufklärung. Angela Selke
Frank Goldammer: „Feind des Volkes“, dtv, München 2024, Taschenbuch, 413 Seiten, 12 Euro


