Nach den Kriterien des International Financial Reporting Standards (IFRS) meldet Gazprom für das Jahr 2023 seinen bisher größten Nettoverlust. Der Verlust belief sich auf umgerechnet fast 6,4 Milliarden Euro. Russische Analysten hatten nach einem Gewinn von 12,5 Milliarden Euro 2022 auch im Folgejahr einen Gewinn erwartet, wenn auch einen deutlich kleineren. Die Einnahmen des Unternehmens aus dem Gasverkauf sind aufgrund des Rückgangs der Exporte nach Europa rückläufig und waren Ende 2023 geringer als die Einnahmen aus dem Ölgeschäft.
Das letzte Mal, dass das Unternehmen einen Verlust verzeichnete, war in den Jahren 1998 und 1999, also noch unter Präsident Boris Jelzin. Damals waren die Ölpreise auf den Weltmärkten extrem niedrig, und auf dem Inlandsmarkt gab es ein hohes Maß an Zahlungsausfällen. Selbst Ende 2020, als sowohl die Exportpreise als auch die Gasverkaufsmengen aufgrund der Pandemie erheblich zurückgingen, wies Gazprom keine so schlechten Ergebnisse auf wie im vergangenen Jahr.
Der Hauptgrund für den Verlust war der Rückgang der Einnahmen aus dem Gasverkauf in die Europäische Union, dem einst profitabelsten Segment des Gazprom-Geschäfts. Nach Berechnungen der Zeitung „Kommersant“ reduzierte das Unternehmen 2023 die Pipeline-Exporte nach Europa auf 24 Milliarden Kubikmeter, die über Turkish Stream und durch den ukrainischen Transit transportiert werden, verglichen mit 62 Milliarden Kubikmetern im Jahr zuvor.
Laut Marcel Salichow vom Institut für Energie und Finanzen wird der negative Gesamteffekt der geringeren Verkäufe in die EU und der niedrigeren Gaspreise auf die Einnahmen von Gazprom auf 50 bis 55 Milliarden US-Dollar geschätzt. Dabei wurde selbst in Russland die Mineralölsteuer drastisch erhöht. Auch die Zukunft der Lieferungen von Gazprom nach Europa sind fraglich geworden, weil alle europäischen Meeranrainerstaaten mittlerweile auf Flüssiggas aus Drittländern umgestiegen sind, was für die Zukunft der russischen Wirtschaft nichts Gutes erahnen lässt und eher darauf hindeutet, dass die Wirtschaft insgesamt in die 1990er Jahren zurückgeworfen wird.
Zum Chinageschäft wurden gesondert Daten bekannt. Nach Angaben des Unternehmens wurden 22,7 Milliarden Kubikmeter Gas über die Siberia Power Line auf den chinesischen Markt geliefert, was anderthalb Mal mehr ist als 2022 und 700 Millionen Kubikmeter über den vertraglichen Verpflichtungen von Gazprom liegt. Allerdings weigert sich China, anders als einst Bundeskanzlerin Merkel bei Nordstream, die große Pipeline von Sibirien nach China zu bauen, um nicht von Moskau abhängig zu werden.
Erwartet werden jetzt auch personelle Konsequenzen. Im Aufsichtsrat von Gazprom sitzt Russlands einstiger Präsident Dmitrij Medwedjew. Dieser Posten war noch 2022 Putin-Intimus Gerhard Schröder aus Deutschland angeboten worden. Dieser verzichtete jedoch wegen seines Postens bei Rosneft. Seitdem schießt Medwedjew, der sich einst Hoffnungen machte, Nachfolger Putins zu werden, besonders gerne gegen Schröder.


