28.04.2026

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Folge 20-24 vom 17. Mai 2024 / Ludwig von Friedeburg / Vom U-Boot zum Katheder und zur Rednertribüne / Der jüngste Kommandant eines Kriegsmarine-Unterseeboots kam vor 100 Jahren in Wilhelmshaven zur Welt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-24 vom 17. Mai 2024

Ludwig von Friedeburg
Vom U-Boot zum Katheder und zur Rednertribüne
Der jüngste Kommandant eines Kriegsmarine-Unterseeboots kam vor 100 Jahren in Wilhelmshaven zur Welt
Manuel Ruoff

Deutschland hat diverse U-Bootkommandanten hervorgebracht, die in den Weltkriegen hervorstachen und nach dem Kriegseinsatz als Zivilisten ein eher unauffälliges Leben führten. Andere deutsche U-Bootkommandanten waren in den Weltkriegen eher unauffällig und starteten nach ihrem Soldatendasein durch, erlangten erst als Zivilisten Prominenz. Ludwig von Friedeburg bildete insofern eine Ausnahme, als er sowohl als U-Boot-Kommandant als auch anschließend als Zivilist eine gewisse historische Bedeutung gewann. 

Bei Friedeburg drängt sich ein Vergleich mit Martin Niemöller, dem Autor der Autobiographie „Vom U-Boot zur Kanzel“, auf. Beide Weltkriegs-U-Bootkommandanten machten schließlich als Zivilisten mit der Vertretung dezidiert linker Positionen Furore. Es gibt allerdings auch interessante Unterschiede. Während Niemöller als Pastor auf der Kanzel landete, landete Friedeburg als Professor auf dem Katheder und als Politiker auf der Rednertribüne. Ein weiterer Unterschied ist, dass Niemöller im Ersten und Friedeburg im Zweiten Weltkrieg diente. Und schließlich hatte Friedeburg mit dem Kommandierenden Admiral der Unterseeboote, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und einzigen Mitunterzeichner beider Kapitulationsurkunden der Wehrmacht, Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg, einen bekannten Vater.

Sohn eines Dönitz-Mitarbeiters

Angesichts dieses Vaters verwundert es nicht, dass der am 21. Mai 1924 im Marinestandort Wilhelmshaven geborene Ludwig-Ferdinand Heinrich Georg Friedrich von Friedeburg nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und dem Not­abitur bei der U-Boot-Waffe landete. Eine gewisse militärgeschichtliche Bedeutung gewann Friedeburg dadurch, dass der damalige Leutnant zur See mit 20 Jahren und 111 Tagen der jüngste deutsche U-Boot-Kommandant des Zweiten Weltkrieges wurde. Vom 9. September bis 21. Oktober 1944 überführte er U 155 von Lorient nach Flensburg. Erst anschließend besuchte er den Kommandanten-Lehrgang. Friedeburg war nicht nur der jüngste U-Boot-Kommandant der Kriegsmarine, sondern auch jener, der am 1. Mai 1945 mit U 4710 das letzte Wehrmachts-U-Boot in Dienst gestellt hat. Vier Tage später versenkte Friedeburg, inzwischen Oberleutnant, mit seiner Mannschaft den Neubau nahe Flensburg in der Geltinger Bucht.

Exponent linker Bildungspolitik

Nachdem er zwei Jahre im Deutschen Minenräumdienst tätig gewesen war, an einem Übergangskurs für Kriegsteilnehmer in Cuxhaven teilgenommen hatte und die Abschlussprüfung für die Zulassung zum Studium bestanden hatte, studierte Friedeburg ab 1947 in Kiel Mathematik, Physik und Philosophie. 1949 wechselte er im Anschluss an den Besuch des Salzburger Seminars für Amerikanische Studien der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg nach Freiburg, wo er nun Psychologie, Philosophie und Soziologie studierte. 1951 wurde er Diplom-Psychologe. Im darauffolgenden Jahr promovierte er mit der Arbeit „Die Umfrage als Instrument der Sozialwissenschaften. Zur Methode und Verwendung der Umfrage unter besonderer Berücksichtigung der Umfrage in der Intimsphäre“. 

Seit 1955 Abteilungsleiter am Frankfurter Institut für Sozialforschung, habilitierte er sich 1960 bei Theodor Adorno mit der Arbeit „Soziologie des Betriebsklimas. Studien zur Deutung empirischer Untersuchungen in industriellen Großbetrieben“. Im selben Jahr heiratete er die Diplom-Soziologin und Adorno-Schülerin Ellen Schölch. 1962 folgte Friedeburg einem Ruf als Professor für Soziologie an die Freie Universität Berlin, nutzte jedoch die Gelegenheit, 1966 in dieser Funktion nach Frankfurt zurückzukehren. 

1969 wurde der Sozialdemokrat Albert Osswald hessischer Ministerpräsident. Friedeburg holte er als Kultusminister in sein SPD-Kabinett. Vom späteren CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch stammt das Wort: „Ludwig von Friedeburg hat der CDU in Hessen wahrscheinlich mehr neue Mitglieder zugeführt als jeder andere.“ 

Fakt ist, dass der neue Kultusminister eine derart linke Bildungspolitik betrieb, dass er eine Symbolfigur für die sozialdemokratischen Bildungsreformen der damaligen Zeit wurde. Dazu gehörte neben der Einführung der Mengenlehre die Bekämpfung des dreigliedrigen Schulsystems. Letztere erfolgte durch die Einführung der Gesamtschule sowie einer sogenannten Förderstufe, durch die im Anschluss an die vierjährige Grundschule die Kinder zwei weitere Jahre lang gemeinsam unterrichtet werden sollten. Außerdem versuchte der Soziologieprofessor, den Geschichtsunterricht durch eine soziologielastige Gesellschaftslehre zu ersetzen. Nach der Landtagswahl von 1974, in der die CDU erstmals stärkste politische Kraft wurde, ersetzt Osswald den umstrittenen, polarisierenden Friedeburg durch den bisherigen Staatsminister für Landwirtschaft und Umwelt Hans Krollmann. 

Der Ex-Kultusminister widmete sich nun wieder vermehrt der Wissenschaft. Bereits im Sterbejahr Adornos war Friedeburg Nachfolger seines akademischen Lehrers als geschäftsführender Direktor des Instituts für Sozialforschung geworden. Wegen seines politischen Engagements war er dieses anfänglich nur formell gewesen. Nun, nach dem Ende seines Ausflugs in die Politik, konnte er es auch real werden. Bis 2001 behielt er dieses Amt. Neun Jahre später, am 17. Mai 2010, starb Friedeburg an seinem Hauptschaffensort Frankfurt am Main.