Theaterfreunde kennen vielleicht Patrick Hamiltons „Rope“, Filmfreunde Alfred Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“, Freunde des Musicals Stephen Dolginoffs „Thrill me – die Leopold und Loeb Story“. Alle drei basieren auf einem wahren Mordfall, der sich vor 100 Jahren im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in Chicago ereignete.
Nur wenige Verbrechen waren derart sinnlos. Die beiden Täter, Nathan Leopold Junior und Richard Loeb, hatten scheinbar alles, was man sich nur wünschen kann. Sie waren jung, smart und hochbegabt. Und Geldprobleme hatten die beiden Sprösslinge sehrwohlhabender deutsch-jüdischer Familien auch nicht. Die Welt schien ihnen offenzustehen, eine glänzende Zukunft vor ihnen zu liegen. Aber das alles reichte ihnen nicht. Sie suchten den Nervenkitzel und empfanden es als Herausforderung, das perfekte Verbrechen zu begehen. Unrechtsbewusstsein oder Mitgefühl mit ihrem Opfer waren ihnen kein Hindernis.
Nachdem sie zuvor bereits diverse kleinere Straftaten begangen hatten, ohne dass man ihnen auf die Schliche gekommen wäre, planten sie mit noch nicht einmal zwanzig Lebensjahren das schlimmstmögliche Verbrechen: Mord. Am 21. Mai 1924 wurde Bobby Franks, ein 14-jähriger entfernter Verwandter und Nachbar Loebs, von den beiden in einen unter falschem Namen gemieteten Wagen gelockt, dort niedergeschlagen und anschließend erstickt. Die beiden verätzten der Leiche mit Säure das Gesicht, um eine Identifizierung zu erschweren, und versteckten sie außerhalb Chicagos an einer Bahnlinie in einem Abflussrohr. Um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken, erweckten sie den Eindruck einer Entführung aus finanziellen Motiven. So ließen sie der Familie ihres Opfers eine Lösegeldforderung in Höhe von 10.000 US-Dollar zukommen.
Einiges verlief indes nicht nach Plan. Noch vor einer Lösegeldübergabe wurde die Leiche von Eisenbahnarbeitern gefunden, und die Ermittler begannen an einer konventionellen Entführung aus finanziellen Motiven zu zweifeln. Auf die Spur von Leopold gelangte die Polizei, als sie neben der Leiche eine extrem seltene Brille aus seinem Besitz fand. Die Polizei machte die insgesamt nur drei Besitzer dieses Brillentyps im Großraum Chicago ausfindig, und Leopold vermochte keine triftige Erklärung dafür zu bieten, warum er seine nicht vorzeigen konnte. Des Weiteren ermittelte die Polizei, dass die Lösegeldforderung auf einer Schreibmaschine geschrieben worden war, die unter anderem Leopold benutzte, und dass die Handschrift auf dem zugehörigen Briefumschlag mit seiner übereinstimmte.
Neben Leopold geriet auch Loeb in Verdacht, als beide behaupteten, während der Tatzeit eine Spritztour mit Leopolds Auto unternommen zu haben. Dieses Alibi brachte der Chauffeur der Leopolds unfreiwillig zum Platzen, indem er gegenüber der Polizei in bester Absicht argumentierte, Nathan habe zur Tatzeit gar nicht am Tatort gewesen sein können, da er dessen Auto zu der Zeit in der Garage repariert habe. Schließlich gaben Leopold und Loeb das Leugnen auf.
Die beiden Minderjährigen wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Loeb wurde 1936 von einem Mithäftling getötet. Leopold wurde 1958 auf Bewährung entlassen, suchte in Puerto Rico die Anonymität und starb 1971 an einem Herzinfarkt.


