Der Kunsthistorikerin Andrea Fromm ist auf den Gemälden Carl Spitzwegs (1808–1885) ein bislang unbeachtetes Objekt aufgefallen: ein roter Schirm. Er steht in einer Zimmerecke, liegt auf einer Wiese oder in einer Tropfsteinhöhle und wird im Gemälde „Der ewige Hochzeiter“ (um 1858) von einer Brunnenfigur hochgehalten. Fromm hat über 60 Gemälde Spitzwegs ermittelt, die einen roten Schirm zeigen. Viele sind in der Sonderausstellung des Schweinfurter Museums Georg Schäfer noch bis zum 6. Juni zu sehen.
Aber nicht auf allen der ausgestellten 100 Gemälde und Graphiken tritt ein roter Schirm auf. Denn über den hinaus will die Ausstellung nach den Worten Fromms zeigen, dass Spitzwegs „Malerei bis ins hohe Alter Spiegel einer durchgängigen und facettenreichen Beschäftigung mit dem Thema der Liebe bleibt“.
Der aus einer wohlhabenden Münchener Kaufmannsfamilie stammende Maler blieb zeitlebens unverheiratet. Anfang der 1840er Jahre hätte er das gern geändert. Aber seine große Liebe Clara Lechner starb vor der Scheidung von ihrem Ehemann. Seine zweite große unglückliche Liebe war Angelika, die Frau seines Bruders Eduard.
Besonders auffällig, weil aufgespannt, tritt der rote Regenschirm in der Vorstudie (um 1837) zu seiner wohl berühmtesten Bilderfindung, dem „Armen Poeten“, in Erscheinung. Auf den Gemäldefassungen liegt der Poet dann unter einem schwarzen oder grünen Schirm. Mit geschlossenem roten Schirm lassen sich Kakteenliebhaber, Naturforscher und Wanderkünstler blicken. Erotische Anspielungen kommen dabei vor.
Selbst Eremiten und Mönche werden vom Liebensbegehren übermannt, wie „Der verliebte Einsiedler“ (um 1875) veranschaulicht. Auf seiner Terrasse hat eine junge Besucherin ihren Korb abgestellt und den roten Schirm dagegen gelehnt. Im Hintergrund wird der Einsiedler aufdringlich. Doch die Frau wehrt ihn ab. In diesem Fall scheint der rote Schirm tatsächlich eine sexuelle Symbolik zu haben. Wiederholt aber interpretiert Fromm zu viel Sex ins Bildgeschehen. Das betrifft etwa das Gemälde „Die päpstliche Zollwache“ (um 1855). Da schnüffelt ein Beamter im Gepäck eines Mönchs herum, dem ein roter Schirm gehört. Fromm sieht darin „einen satirischen Seitenhieb auf das Tabuthema ‚Zölibat und Liebe‘“.Veit-Mario Thiede
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Bild: Spitzweg: „Der ewige Hochzeiter“


