19.04.2026

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Folge 22-24 vom 31. Mai 2024 / Neuerscheinung / Die elsässischen Protestanten im Nationalsozialismus / Michel Weckel hat eine Monographie über seine Glaubensbrüder und Landsleute zwischen 1940 und 1944 vorgelegt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-24 vom 31. Mai 2024

Neuerscheinung
Die elsässischen Protestanten im Nationalsozialismus
Michel Weckel hat eine Monographie über seine Glaubensbrüder und Landsleute zwischen 1940 und 1944 vorgelegt

Das Elsass gehörte zu den Hochburgen der Reformation. Als die Region im Rahmen der 1679 begonnenen Reunionspolitik König Ludwigs XIV. mitten im Frieden im September 1681 durch Frankreich besetzt wurde, war sie mehrheitlich protestantisch, das Straßburger Münster seit 1524 eine protestantische Kirche. Unter König Ludwig XIV. wurde das Gotteshaus wieder katholisch. Seitdem fühlten sich die elsässischen Protestanten unter französischer Herrschaft nicht mehr wohl.

Wie der Hans im Schnokeloch aus dem elsässischen Nationalepos, der nicht weiß, was er will, war die lutherische Kirchenleitung im Elsass zwischen 1870 und 1918, als das Elsass wieder unter deutscher Herrschaft stand, jedoch sehr frankophil und theologisch liberal ausgerichtet. Als das Elsass jedoch 1918 vom Deutschen Reich an die Französische Republik abgetreten werden musste, wurden aus vielen frankophilen Pfarrern wieder germanophile Pfarrer, bis in den Zweiten Weltkrieg hinein. 

Wie die Zusammenarbeit elsässischer Pastoren mit dem Dritten Reich im Zweiten Weltkrieg ausgesehen hat, hat der 65-jährige elsässische Pastor im Ruhestand Michel Weckel nun als eine Art Whistleblower aufgedeckt. Jüngst erschien sein neues Buch „Entre silences et non-dits, les protestants d’Alsace face au nazisme“ (Zwischen Schweigen und Ungesagtem, die elsässischen Protestanten angesichts des Nazismus) im Straßburger Verlag La Nuée Bleue. Schon 2022 hatte Weckels ebenfalls bei La Nuée Bleue erschienenes erstes Buch mit dem Titel „Ces protestant alsaciens qui ont acclamé Hitler“ (Die elsässischen Protestanten, die Hitler zujubelten) in der Region für Aufregung gesorgt. Sein neues Buch bricht mit einer Opferrolle, in der das Elsass seiner Meinung nach geschlüpft ist. 

Weckel spielt damit auf die „Malgré-nous“ (wider unseren Willen) an. Gemeint sind damit die rund 100.000 Elsässer und 30.000 Lothringer, die während des Zweiten Weltkrieges in die Wehrmacht oder die Waffen-SS eingezogen  wurden. Viele von ihnen haben sich gleich in doppelter Hinsicht als Opfer gefühlt. Erst seien sie vom Deutschen Reich gegen ihren Willen zum Kriegsdienst gezwungen und anschließend von der Französischen Republik als Kollaborateure verfolgt worden.

Das Drama der „Malgré-nous“ hat in Elsass-Lothringen die Opferdimension in der Erinnerungsarbeit verstärkt, analysiert die Historikerin Frédérique Neau-Dufour, von 2011 bis 2019 Leuterin des Europäischen Zentrums des deportierten Widerstandskämpfers“, im ehemaligen KZ Natzweiler-Struthof in den elsässischen Vogesen, die ein Vorwort zu Weckels neuestem Buch verfasst hat. Sie zieht eine Parallele zu Österreich, einem anderen „annektierten Gebiet, das sich nach dem Krieg als Opfer des Nationalsozialismus inszenierte und sich scheute, sich die wirklichen Fragen zu stellen“.

Weckels auf Archivmaterial aufgebauten beiden Bücher beschäftigen sich zunächst mit den pro-deutschen „lutherischen Netzwerken“, die in der Zwischenkriegszeit aktiv waren und sich radikal gegen die Annexion des Elsass durch Frankreich im Jahr 1918 gewandt hatten. Die Affinität eines Teils des lokalen Protestantismus zum Nationalsozialismus wird dabei unter die Lupe genommen. Nach der deutschen Annexion 1940 ernannten die nationalsozialistische Regierung Carl Peter Maurer (1874–1950) zum Protestantenführer im Elsaß. Maurer war für seine militante Unterstützung Deutschlands bekannt, ohne jedoch ein erbitterter Nationalsozialist zu sein. Er verhinderte, dass Pfarrer aus dem Reich im Elsass zum Einsatz kamen, und verhinderte dadurch auch, dass die Bekennende Kirche im Elsass Fuß fassen konnte. Während die meisten Pastoren und Gläubigen passiven Widerstand leisteten, gingen einige sogar Kompromisse mit der Waffen-SS, der Gestapo oder dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) ein.

Der Protestantismus im Elsass und im deutschsprachigen Lothringen hatte die Theologie der zwei Reiche übernommen, die zu einer gewissen Kultur der Unterwerfung unter die weltliche Autorität geführt hat. Der Regierende ist Ausführender des Willen Gottes, und der Christ darf ihn in dieser Form der Trennung von geistlicher und weltlicher Macht nicht in Frage stellen. Weckel schreibt, dass sich viele Elsässer 1940 grundsätzlich als Deutsche fühlten und der Ansicht waren, dass die Angliederung des Elsass an Frankreich, die nach dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert schrittweise erfolgte, ein historischer Fehler gewesen sei. Für diese war es der Wille Gottes, dass das Elsass deutsch sein sollte. 

Zu ihnen gehörte Fritz Spieser (1902–1987), Sohn eines Pfarrers und Anführer des Autonomistennetzwerks der Hünenburg, benannt nach einer Burg im besonders protestantischen und deutschfreundlichen Teil des Elsaß. Im September 1940 empfing Spieser auf der Hünenburg Heinrich Himmler. Nach 1945 wurde er in Frankreich zum Tode verurteilt, konnte aber untertauchen. 

Auch Pfarrer Paul Frey von Schlettstadt ist nach Weckel ein „notorischer Nazi“ gewesen. Er wurde mit Frau und Sohn nach der Rückkehr der Franzosenherrschaft durch die Straßen von Schlettstadt gezerrt und bespuckt. Sein Sohn Albert war in der Hitlerjugend und in der Wehrmacht. Nach dem Krieg wurde er auch Pastor, wurde Pazifist und setzte sich für die Menschenrechte ein. Der Autor würdigt auch fünf Pastoren, die im Widerstand waren wie Charles Fichter, der nach Mauthausen deportiert wurde, aber überlebte. Abgesehen vom Quellenstudium in den Archiven hatte Weckel auch die Möglichkeit einige heute ältere Kinder von Pastoren interviewen zu können.Bodo Bost