Die Preußische Allgemeine Zeitung trauert um ihren Autor Eberhard Straub. Wie die Redaktion aus seinem persönlichen Umfeld erfuhr, verstarb der Historiker und Publizist am 23. Mai in seiner Berliner Wohnung.
Geboren am 30. Dezember 1940 in Berlin als Sohn des Althistorikers Johannes Straub, war ihm das Interesse an der deutschen und europäischen Geschichte quasi in die Wiege gelegt. Von 1962 bis 1968 studierte Straub in Bonn, München, Turin und Wien Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie. Mit einer Dissertation über die „höfischen Feste in der Münchner Residenz vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“ wurde er 1968 an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit summa cum laude zum Doktor phil. promoviert. Nach zwischenzeitlichen Forschungsreisen nach Madrid, Valladolid, New York und Wien wurde er 1977 an gleicher Stelle mit einer Arbeit über „Spaniens Kampf um seine Friedensordnung in Europa zwischen 1617 und 1635“ habilitiert.
Zu einer Professur an einer Universität kam es indes nicht. Vielmehr führte Straubs Lebensweg ihn ab November 1977 in die Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, wo er alsbald zu den prononcierten Autoren des altehrwürdigen Blattes zu kulturgeschichtlichen Themen gehörte. Weitere berufliche Stationen waren später die Redaktion der „Stuttgarter Zeitung“ und der – vor der Einheit noch in Bonn ansässigen – „Welt“. 1991 dann wurde er Leiter der Öffentlichkeitsarbeit beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in Essen.
Geistige Heimat im alten Europa
Seit 1998 war Straub freier Publizist und verfasste – neben zahlreichen Beiträgen für „FAZ“, „Berliner Zeitung“, „Süddeutsche Zeitung“, „Zeit“, „Spiegel“, „Deutschlandfunk“, „JUNGE FREIHEIT“, „Cato“ und andere Medien – seitdem eine breite Palette an Büchern zur deutschen und europäischen Kultur- und Geistesgeschichte wie „Drei letzte Kaiser. Der Untergang der großen europäischen Dynastien“ (Siedler 1998), „Eine kleine Geschichte Preußens“ (Siedler 2001) oder „Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas“ (Klett-Cotta 2014) sowie zahlreiche biographische Studien wie „Die Wittelsbacher“ (Siedler 1994), „Albert Ballin. Der Reeder des Kaisers“ (Siedler 2001), „Kaiser Wilhelm II. Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne“ (Landt 2006) oder „Wagner und Verdi. Zwei Europäer im 19. Jahrhundert“ (Klett-Cotta 2012). Vor rund fünf Jahren wurde Straub auch Autor dieser Zeitung und bereicherte sie durch zahlreiche Beiträge etwa über Dante Alighieri, Charles de Gaulle, Papst Benedikt XVI. und zuletzt Thomas von Aquin.
Produktiv bis zuletzt
Straubs geistige Heimat war das alte Europa (das für ihn ungeteilt von der Atlantikküste bis zum Ural reichte) und dessen Bildungsbürgerlichkeit vom Mittelalter über die Klassik bis zum Beginn der Moderne. Bis ins hohe Alter griff er immer wieder zu den alten Meistern der deutschen, italienischen, spanischen und russischen Geistesgeschichte – wobei er deren Bücher nicht einfach nur querlas, sondern regelrecht mit seinen Anmerkungen durchpflügte – und blieb dadurch von einer in der zeitgenössischen Publizistik selten gewordenen Belesenheit. Ganz nebenbei konnte er so jüngeren Historiker- und Journalistenkollegen immer wieder auch Hinweise auf Autoren und Schriften geben, die in der Gegenwart längst vergessen sind, obwohl sie noch immer wichtige Impulse geben könnten.
Ein Segen für Straub und seine Kollegen wie Leser war, dass er bis kurz vor seinem Tod geistig rege und produktiv blieb. Das letzte Werk, das er las, war „Anna Karenina“; und erst vor wenigen Tagen bot er an, eine Rezension des jüngsten Buches von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu schreiben. Dazu wird es nun nicht mehr kommen.
Die Redaktion der Preußischen Allgemeinen Zeitung wird Eberhard Straub ein ehrendes Andenken bewahren.
Erinnerungen eines ehemaligen Weggefährten
Gestorben ist er wohl, wie er gelebt hat. Für sich allein. Trotz all derer, die sich um ihn gekümmert haben. Der Historiker Eberhard Straub hatte – als er noch Redakteur im Feuilleton der „FAZ“ war – sein Büro am Ende eines jener langgestreckten Korridore im alten Frankfurter Verlagsgebäude. Er saß da, wo die Wissenschaftsredaktion war, an der Peripherie des tagesaktuellen Geschehens. Wenn man seinen Raum betrat, sah man ihn meistens lesend. An der Wand hing ein Porträt des Bayernkönigs Ludwig II.; und an einem Garderobenhaken die unvermeidliche Baskenmütze.
Wirklich warm geworden mit dem Feuilleton der „FAZ“ war Straub nie. Ihm war das offensichtlich egal, wenn man ihn nur in Ruhe ließ; was ihm in der Hektik des Tages als Phlegma ausgelegt wurde. Er war ein Bonvivant, einer der das gute Leben liebte und sich seiner Herkunft und Bildung sehr wohl bewusst war; ein Konservativer weniger aus Überzeugung, denn aus Genuss.
Unabhängig zu schreiben und zu leben war ihm Statement genug. Alles andere wäre ihm viel zu anstrengend erschienen. Er kam aus einem Gelehrtenhaus, und die akademische Karriere war ihm geradezu angeboren. Als er sich an der Universität Stuttgart auf einen Lehrstuhl für die Geschichte der frühen Neuzeit bewarb, schien ihm das wie eine lästige Übung. Dass er den Zuschlag damals nicht bekam, hat er selbst nie verstanden.
Die akademische Zunft hat ihn trotz seiner erstaunlichen Zahl ernsthafter Bücher in aller Regel ignoriert, was nicht zuletzt dem Umstand geschuldet war, dass er sich immer wieder in eine sektiererische Ecke nach Rechtsaußen verirrte. Ob er sich dort wohl gefühlt hat, mag man bezweifeln. Sein bayrischer Charme hat die Kanten häufig geglättet. Er wollte nicht missionieren. Er hat sich nur manchmal gewundert, warum man nicht so zu denken vermag und urteilt wie er selbst.
Straub schien zuletzt nicht mehr von dieser Zeit gewesen zu sein. Wer ihn kannte, hat ihm das nicht verübelt.
Johann Michael Möller
Der Autor ist Publizist und Eberhard Straub als Hospitant sowie späterer Redakteur über Jahre hinweg im Feuilleton der „FAZ“ begegnet.
Foto: Von in der modernen Publizistik selten gewordenen Belesenheit: Eberhard Straub (1940–2024)


