Alan Mathison Turing wurde am 23. Juni 1912 in London geboren. Sein Vater war Kolonialbeamter in Indien. Extra für die Geburt des Jungen war die Familie für einige Zeit nach England übergesiedelt. Danach wuchs das Kind hauptsächlich bei Pflegeeltern sowie an Privatschulen auf. Er fiel früh durch sein unkonventionelles Wesen, sein besonderes Interesse für Chemie und Biologie sowie seine ungewöhnliche mathematische Begabung auf. Dazu glänzte er als Marathonläufer.
Seine Hinwendung zur Mathematik führte ihn als Student am Kings College in Cambridge zur pionierhaften Beschäftigung mit der mathematischen Logik bis hin zur Beantwortung von „Hilperts dritter Frage“, die das sogenannte Entscheidungsproblem behandelt. Dafür entwickelte Turing die Konzeption für seine „Turing-Maschine“ zur Überprüfung der Berechenbarkeit einer mathematischen Funktion. Diese Überlegungen vervollkommnete der geniale Vordenker später zu einer „Universalmaschine“, welche die theoretischen Grundlagen für die moderne Computertechnik bildet. Ihn faszinierte die Theorie, dass sich menschliches Denken maschinell nachbilden lasse. Zu den heutigen Folgen zählt auch die „Künstliche Intelligenz (KI).
Turings frühe Erkenntnisse trugen ihm 1938 an der Universität von Princeton die Promotion ein, die Diskussion mit berühmten Gelehrten und nach Kriegsbeginn die Berufung ins britische Dechiffrier-Zentrum von Bletchley Park, in dem über 10.000 Mitarbeiter geheime Entschlüsselungsaufgaben zu erfüllen hatten. Turing war der Chef-Entschlüsseler, knackte den deutschen Enigma-Code und konnte so dem militärischen Chef der Einrichtung sowie Premierminister Winston Churchill persönlich Informationen liefern, deren operative Nutzung den Sieg der Alliierten erleichterte. Die diesbezüglichen Nachwirkungen reichten vom Seekrieg über die Wende auf dem Kriegsschauplatz in Nordafrika bis hin zum Ausgang der Schlacht am Kursker Bogen. Britische und US-amerikanische Befehlshaber sowie selbst der sowjetische Diktator Josef Stalin staunten immer wieder über den Kenntnisstand Churchills, der sich gern bestaunen und Turing zum absoluten Schweigen verpflichten ließ. Erst nach Jahrzehnten drangen erste Informationen über die Rolle von Bletchley Park und Alan Turing im Zweiten Weltkrieg scheibchenweise an die überraschte Öffentlichkeit.
Nach dem Sieg der Alliierten über das Deutsche Reich, an dem Turing großen Anteil hatte, ohne dass darüber zunächst etwas bekannt wurde, blieben dem genialen Wissenschaftler nur noch wenige Jahre für eine zivile Karriere. Er übernahm eine Aufgabe im National Physical Laboratory, fungierte dann als Direktor des Computer-Labors der Universität in Manchester, traf sich in Göttingen mit dem deutschen Computererfinder Konrad Zuse und wurde 1951 in die Royal Society berufen. Turing war nicht ruhmbesessen. Er ist als idealistischer Forschertyp überliefert, der viele Felder bestellte, auf denen dann andere ernteten. Die Vielfalt seiner Pionierleistungen reicht weit über die Turing-Maschine und die Entschlüsselung der Enigma-Funksprüche hinaus. Turing entwickelte die Software für den ersten echten Computer, gab mit seinen Veröffentlichungen den Anstoß für die weltweite Beschäftigung mit der Frage der Künstlichen Intelligenz, sorgte für eines der ersten Computer-Schachprogramme und gab zwischen 1952 und 1954 mit seinen Überlegungen der chemisch-biologischen Strukturbildungstheorie maßgebliche Impulse.
Der Privatmann Alan Turing unterhielt 1952 eine gleichgeschlechtliche Beziehung zu einem jungen Mann, der Informationen über seine Wohnung an einen Komplizen weiterleitete, der dann bei Turing einbrach. Turing zeigte den Einbruch bei der Polizei an. Deren Ermittlungen führten zur Aufdeckung von Turings Homosexualität. Die anschließende Behandlung Turings mit triebhemmenden Hormonen hatte beträchtliche Nebenwirkungen, die von der Brustvergrößerung bis zu ausufernden Depressionen reichten. Letztere ließen ihn am 7. Juni 1954 einen mit Zyankali vergifteten Apfel verzehren. Amtlich war danach von „Selbsttötung“ die Rede.
Erst in den letzten Jahrzehnten drangen Wissenschaftler verstärkt auf eine nachträgliche Anerkennung Turings. So wurden ab 2001 nacheinander in Manchester und Bletchley Park Statuen aufgestellt, Gedenktafeln an verschiedenen Gebäuden mit Turing-Bezug angebracht und die weltweit bedeutendste Auszeichnung in der Informatik nach ihm „Turing-Award“ benannt. Dazu gesellte sich eine wachsende Zahl von Fachschriften und Belletristik, zahlreiche Musikstücke, Filme und Comics.


