Nachfolgenden Generationen Geschichte nahezubringen ist nicht so einfach. Die Autorin Maja Nielsen legt seit Jahren mit großem Erfolg Kinder- und Jugendbücher vor, die sich vornehmlich um die deutsche Geschichte drehen. Nach Themen rund um den Ersten Weltkrieg und die Novemberrevolution befasst sie sich in dem Buch „Der Tunnelbauer“ mit der Dramatik der deutschen Teilung, als viele Menschen aus der abgeriegelten DDR fliehen wollten.
Spannend wie ein Film beginnt das Buch, als ein junger Mann von gerade einmal 18 Jahren mit falschem Pass, vier Monate nach dem Bau der Berliner Mauer, im Dezember 1961 an den Grenzübergang in der Friedrichstraße herantritt. Alles, was nötig ist zu wissen, hat ihm sein Fluchthelfer mitgeteilt. Achim, so der Protagonist, geht gedanklich jedes Detail noch einmal durch, hat große Angst und die Leserschaft zittert mit ihm.
In einem Rückblick auf den Sommer 1961 erfährt man, wie die Geschichte seiner Flucht begann, was ihn dazu trieb, die DDR zu verlassen, und welche Schwierigkeiten bei diesem hochgefährlichen Unterfangen auftauchten. Unvorstellbar in der Gegenwart, dass mutige Menschen Tunnel gegraben haben von einer Seite der Stadt zur anderen, unter der Mauer und dem Todesstreifen hindurch, beginnend in einem Keller im Westen, endend in einem Keller im Ostteil Berlins, um ihre Mitbürger bei der Flucht zu unterstützen. Achim tut genau das. Als er im Westen ankommt, gräbt er mit weiteren Helfern verschiedene Tunnel, auch, um seine Freundin endlich wieder bei sich zu haben. Angelehnt an wahre Geschehnisse, die als Grundlage dienten, schrieb die Autorin diesen packenden Roman, den kein Drehbuchautor besser hätte erfinden können.
Der Roman geht zurück auf die Erlebnisse Joachim Neumanns, der Anfang der 1960er Jahre aus der DDR floh und an den Tunnelbauten maßgeblich beteiligt war. Er arbeitet heute bei der Stiftung Berliner Mauer und sagte in einem Interview, dass er jungen Menschen nahebringen möchte, einmal darüber nachzudenken, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten seien und jeder sich überlegen sollte, was zu tun sei, wenn diese Werte in Gefahr gerieten.
Das Leben schreibt die besten, oft aber auch die traurigsten Geschichten. Wer die deutsche Teilung, den Kalten Krieg selbst erlebt hat, wird sich sofort in diese Zeit zurückversetzt fühlen, jungen Menschen gibt es einen großartigen Einblick in unsere Vergangenheit.
Maja Nielsen: „Der Tunnelbauer“, Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2024, gebunden, 192 Seiten, 14 Euro

