Wie der Westen versucht auch die Volksrepublik China, ihre Werte und ihre Weltanschauung sowie ihr Regierungssystem in Entwicklungsländer zu exportieren. Diesem Zweck dienen unter anderem „Business-Trainings-Programme“ für Regierungsbeamte in der Dritten Welt. Das geht aus dem von Niva Yau verfassten Bericht „A Global South with Chinese characteristics“ (Ein globaler Süden mit chinesischer Prägung) des Global China Hub der US-amerikanischen Denkfabrik Atlantic Council hervor. „Der Atlantic Council ist“ laut Wikipedia „eine Denkfabrik und Public-Policy-Gruppe in Washington, D.C. Ihr Auftrag ist die Förderung der US-Führungsrolle und des Engagements in internationalen Angelegenheiten auf Basis der zentralen Rolle der atlantischen Gemeinschaft bei der Bewältigung der internationalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Der Atlantic Council zeichnet sich laut Lobbypedia durch die Zusammenarbeit von Wirtschaftsführern global agierender Großunternehmen – größtenteils aus den USA – ehemaligen Regierungschefs und Spitzenbeamten auch aus dem militärischen Bereich aus.“
Yau hat fast 1700 Akten der Academy for International Business Officials (AIBO), die dem Pekinger Handelsministerium untersteht, analysiert. Dabei fand sie heraus, dass die AIBO innerhalb von zwei Jahren 795 Online-Seminare veranstaltet hat, an denen über 21.000 Mitarbeiter von Regierungsbehörden in Afrika, Lateinamerika und Asien teilnahmen.
Laut Yau war ein Drittel der Weiterbildungsprogramme darauf ausgerichtet, nichtdemokratische Regierungspraktiken zu vermitteln und damit autokratischen Ansätzen Vorschub zu leisten. Ein weiteres Drittel der Schulungsmaßnahmen habe das Ziel gehabt, Zugang zu geheimdienstlich relevanten Informationen zu erlangen und parallel dazu auch hier das chinesische Modell der umfassenden Bevölkerungskontrolle anzupreisen. Und beim letzten Drittel habe zumindest die Weltanschauung der Kommunistischen Partei Chinas und Werbung für die Neue Seidenstraße auf dem Lehrplan gestanden. Dabei sei ebenfalls vermittelt worden, dass die Volksrepublik China ihre wirtschaftlichen Erfolge einzig und allein dem autoritären Kurs von Partei und Regierung zu verdanken habe.
Da der chinesische Staatspräsident Xi Jinping vor wenigen Tagen anlässlich der Feierlichkeiten zum 60-jährigen Bestehen der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung beteuerte, China werde „immer ein Mitglied des globalen Südens bleiben“, und weitere Bemühungen um eine Vertiefung der Zusammenarbeit mit den Dritte-Welt-Ländern ankündigte, ist eine Fortsetzung derartiger politischer Bildungsarbeit beziehungsweise PR-Bemühungen zu erwarten.
Deshalb warnte der Wirtschaftsfachmann Cheng Cheng-ping von der National Yunlin University of Science and Technology in Taiwan vor einer „Beeinflussung und Beherrschung der globalen Ordnung“ durch Peking, die „unsere Vorstellungskraft übersteigt“. Immerhin sei das internationale Gewicht der Volksrepublik bereits „jetzt in vielen Bereichen größer als das der Vereinigten Staaten.“ Darüber hinaus meinte Cheng, die oberste Priorität der Regierungen in den ärmeren Ländern der Welt liege darin, die eigene politische Vorherrschaft zu sichern. Und da Chinas Wirtschaft sich gut entwickelt habe und das Regierungssystem sehr stabil wirke, stelle das eine große Versuchung dar, den chinesischen Weg zu beschreiten.Wolfgang Kaufmann
Demgegenüber verwies der Professor für Politikwissenschaft an der National Taiwan University, Chen Shih-min, auf die Schwächen des chinesischen Vorbildes: Während der Corona-Pandemie sei die Wirtschaft der Volksrepublik eingebrochen und die Immobilienblase im Lande geplatzt. Daher falle es Peking zunehmend schwerer, die Entwicklungsländer weiterhin mit Geld zu ködern. Deshalb müsse der Westen jetzt die Gunst der Stunde nutzen und sein Engagement im globalen Süden verstärken.


