Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
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Längste Menschenkette aller Zeiten: Der baltische Weg zur Freiheit Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt vor zehn Jahren und heute von Petra Schirren Vor zehn Jahren, am 23. August Um 19.00 Uhr erreichte damals der Protest gegen den genau vor einem halben Jahrhundert unterzeichneten Molotow-Ribbentrop-Pakt (auch als Hitler-Stalin-Pakt bekannt) seinen Höhepunkt. Die Menschen faßten sich an den Händen und beschworen ihren Willen, die letztlich auf den Sommer 1939 zurückgehende Unfreiheit zu beenden. Unzählige Kerzen brannten für die nationale Wiedergeburt. In einem Aufruf der im "Baltischen Rat" zusammengeschlossenen Volksfronten konnte man folgenden Appell an die Nachbarländer lesen: "Aus der Asche des Zweiten Weltkrieges sind überall neue Dörfer, Städte und Staaten entstanden doch die drei baltischen Staaten (...) liegen noch immer darnieder. Habt ihr kein Gefühl dafür, daß wir nicht unter euch sind? (...) Wir werden als verlorene Söhne betrachtet, doch wir selbst haben uns nie verlorengegeben. Laßt uns einander die Hände reichen und auf dem gemeinsamen Weg voranschreiten: Der Baltische Weg das ist der Weg Europas, der Baltische Weg das ist der Weg der Befreiung der letzten Kolonien Europas, der baltische Weg das ist der Weg zur Errichtung unseres gemeinsamen Hauses! Wir sind bereit, wir gehen schon voran!" Nur ein paar Monate später, am 24. Dezember 1989, bestätigte der Oberste Sowjet quasi als Weihnachtsgeschenk an die baltischen Völker die Existenz der bis dahin geleugneten Geheimen Zusatzprotokolle zum Molotow-Ribbentrop-Pakt, in denen Estland, Lettland und Litauen der sowjetischen "Interessensphäre" zugewiesen wurden. Diese seien "juristisch unbegründet und ungültig", so hieß es. Doch die Verurteilung der auf dem Abkommen basierenden Okkupation durch die Rote Armee blieb aus. Sie hatte im Oktober 1939 mit der Besetzung von Militärbasen ihren Anfang genommen und im August 1940 mit der offiziellen Einverleibung in die UdSSR abgeschlossen worden. Die weit über das Baltikum hinausgehende Bedeutung des Umbruchs im Baltikum liegt in seiner Signalwirkung für andere Rebellionen gegen das Sowjetimperium. Die Massenbewegung der Esten, Letten und Litauer hatte wesentlich früher begonnen als die "Samtene Revolution" in der Tschechoslowakei oder die Demonstrationen in der DDR im Herbst 1989. Bereits 1986 tauchten in estnischen Zeitungen Unmutsäußerungen gegen die Russifizierung auf. Im Folgejahr begannen die Kundgebungen gegen den zerstörerischen Phosphorit-Abbau. Auch in Litauen verbanden sich ökologische und nationale Bewegung. Hauptärgernis waren die von den Moskauer Behörden geplante Ölförderung im Schelf der Ostsee mit wahrscheinlich katastrophalen Folgen für die Kurische Nehrung sowie der angekündigte Bau eines Kernkraftwerkes vom Typ Tschernobyl in Ignalin (Ignalina). 600 000 Menschen unterzeichneten einen Aufruf, diese Pläne sofort zu stoppen. Größere Proteste gegen den Molotow-Ribbentrop-Pakt gab es in den baltischen Ländern bereits am 23. August 1987. Monate später lieferten sich freiheitsliebende Letten in Riga und Libau anläßlich des 69. Jahrestages der Proklamation der Unabhängigkeit am 18. November 1918 Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften. Die entscheidenden Weichen wurden dann im Sommer und Herbst 1988 gestellt: Riesige Demonstrationen leiteten die eigentliche "Singende Revolution" ein, und im Oktober formierten sich die rasch an Einfluß gewinnenden "Volksfronten". Mit der Revaler Erklärung vom 14. Mai 1989 formulierten sie offen das Ziel der "staatlichen Souveränität". Eine wissenschaftliche Zusammenschau der Ereignisse der vergangenen 60 Jahre im Baltikum ist für den 28. September in Wilna geplant. Dort findet eine internationale Historikerkonferenz statt unter dem Titel "Der Molotow-Ribbentrop-Pakt. Vergangenheit und Zukunft der baltischen Staaten". Nach der Eröffnung durch den litauischen Präsidenten Adamkus gliedern vier Themenkreise die Diskussion: "Der Molotow-Ribbentrop-Pakt. Historische und politische Bewertung", "Folgen der Okkupation. Genozid, bewaffneter und ziviler Widerstand in den besetzten Staaten (1939-1990)", "10. Jahrestag des Baltischen Weges. Wiederherstellung der Staatlichkeit der baltischen Republiken (1990-1991)" und "Die Zukunft der baltischen Staaten: Mitgliedschaft in Nato, EU und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts". Hochkarätige Referenten wie der frühere litauische Präsident Vytautas Landsbergis haben sich angesagt, und eine Ausstellung im Litauischen Nationalmuseum soll in der Bevölkerung der Hauptstadt parallel zur Tagung die Kenntnisse über einige besonders dunkle Kapitel der eigenen Geschichte vertiefen. Thema sind die "Deportationen von Litauern zwischen 1795 und 1953". |